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Zwischen den Regalen

Der Suhrkamp Verlag hat seinen neuen Hauptsitz in Berlin-Mitte bezogen. Entworfen wurde das Betonensemble als eine sorgfältige Stadtreparatur von Roger Bundschuh. Das Innenleben des Verlagshauses hat das Team von Kinzo geplant. (…) Die konisch geformten Etagengrundrisse ergeben sich aus der stadtplanerischen Setzung – die Architektur erinnert selbst an eine überdimensionale doppelte Regalreihe. Roger Bundschuh geht es dabei, wie schon zuvor beim benachbarten L40, um eine Auflösung des Blockrands. Das neue Haus soll eben nicht wie der Poelzig-Bau sein, der an dieser Stelle einmal stand, sagt Bundschuh, sondern das genaue Gegenteil: „Kein Blockrand, kein enger Hinterhof.“ Stattdessen öffnet sich sein Entwurf zum Rosa-Luxemburg-Platz und zur Linienstraße. „Es gibt keine Schauseite und keine Rückseite, der städtische Raum umgibt das Gebäude.“ Während die dunkle Fassade des L 40 gegenüber als markanter Monolith den Stadtraum bespielt, bezieht sich der Suhrkamp-Neubau mit seiner hellen, warmen Betonfassade in Form und Farbigkeit auf den Bühnenturm der Volksbühne. Noch sind die Außenanlagen nicht endgültig fertiggestellt. Im Innern wird dagegen bereits am nächsten Kapitel der Geschichte des Suhrkamp-Verlages geschrieben.

Zum gesamten Artikel, erschienen bei www.stylepark.com

Mandeville Canyon


Hier folgt die Architektur der Umgebung: Ron Radziner hat in einem Waldhang zwischen Mandeville Canyon und Santa Monica Mountains ein archaisches Haus für seine Familie gebaut, das in einem definierten Gleichgewicht mit der Natur steht. Nebenbei erinnert es an einen bewohnbaren Tempel – und ist ein Ort der Ruhe…

erschienen in HÄUSER Magazin Januar 2020

Die Räuber

Alles begann 1991 mit Schillers Räubern und im Fall der Volksbühne wurde der Bühnenbilder nicht nur, wie so oft, zum ersten Autor einer Inszenierung, Bert Neumann gestaltete mit seinem Räuberrad DAS Wahrzeichen der 25-jährigen Castorf-Ära. Das vier Meter hohe Metallrad mit den zwei Beinen stand seit 1994 vor dem Theaterbau am Rosa-Luxemburg-Platz und zierte als Logo bis zum Intendantenwechsel sämtliche Postkarten, Streichholzschachteln und Spielzeitprogramme. Damit ist Neumanns Räuberrad ein Hybrid zwischen Kunst am Bau, Kunst im öffentlichen Raum, Theaterkunst und Marketinginstrument. Es ist das Symbol von Frank Castorfs Volksbühne im Nachwende-Berlin.

erschienen in: Marmor für alle. Zur Kunst im öffentlichen Raum, Hrsg. Jörg Johnen, Mitte/Rand Verlag, Berlin 2018

Mit der Skulptur beziehen sich Castorf und Neumann auf die mittelalterlichen „Gaunerzinken“: eine gezeichnete Geheimsprache, mit der Einbrecher seit Jahrhunderten untereinander kommunizieren. Der gekreuzte Kreis bedeutet „Vorsicht, nicht vorsprechen“ – für die Theatermacher symbolisiert das Räuberrad das Rebellische der Volksbühne. Theater sei der letzte Partisan, ist eine zentrale Aussage von Castorfs Bühne.

Geschaffen hat das Volksbühnen-Räuberrad der Metallbauer und Designer Rainer Haußmann, in dessen Atelier in Oberschöneweide es für kurze Zeit stand. Er sollte das „Denkmal“, das er 1994 zusammengeschweißt hatte, restaurieren – ursprünglich sollte das laufende Rad ja nur für ein paar Monate vor dem Portal der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz stehen. Wirklich davongelaufen, oder gerollt, ist es aber erst im Sommer 2017, als Chris Dercon seinen Posten als neuer Intendant antrat. In einem dramatischen Zweiakter wurde die Metallskulptur aus ihrem Fundament gelöst und reiste mit Castorf als Trophäe zum Theaterfestival nach Avignon. Ob der Altintendant das überhaupt durfte, bleibt umstritten, die eigentumsrechtliche und urheberrechtliche Zulässigkeit des Abbaus ist ungeklärt. Das Land Berlin hatte das Kunstwerk in den Neunziger Jahren für 11.000 Euro gekauft, ein denkmalrechtlicher Schutz besteht nicht. Glaubt man den Tageszeitungen und der Berliner Senatsverwaltung, könnte es ein gutes Ende geben. Nach der Sanierung soll das Rad am selben Standort vor der Volksbühne wiedererrichtet werden, „insofern sich die drei Parteien nicht auf einen anderen, würdigen Standort einigen“, heißt es in einer Pressemitteilung des Berliner Senats zu Einigung zur Zukunft des Räuberrad vom 28. Juni 2017. Die drei Parteien sind Frank Castorf, sein Nachfolger Chris Dercon und die Erben des 2015 verstorbenen Bühnenbildners und Künstlers Bert Neumann. Womit man von Schiller zu Lessing wechselt, denkt man an die Ringparabel, die auf wenige Worte reduziert, den Streit zwischen drei Brüdern (oder drei Religionen) thematisierte. Mit dem Unterschied, dass es das Räuberrad des verstorbenen Bert Neumann nur einmal gibt.

Räuberrad, 1994–2017
Rosa-Luxemburg Platz / Linienstraße 227, 10178 Berlin, Künstler: Bert Neumann, Rainer Haußmann, Metall,4 Meter hoch

www.mitte-rand.de

Spurensuche in Beton

Eingeschlagene Fenster, zugewachsene Fassaden, Wasserschäden, Graffiti und weitere Souvenirs des jahrelangen Leerstands begrüßten die Architekten und Bauherren bei ihrem ersten Besuch. Ein trügerisches Bild. „Die Substanz war in einem ein- wandfreien Zustand, wie ein Gutachter feststellen konnte“, erzählt Sandra Scheffl, die zusammen mit Xaver Egger für Entwurf und Planung verantwortlich zeichnet. Auch wenn die Bauherren kurz über einen Abriss nachdachten, entschieden sie sich für eine Sanierung mit Umbaumaßnahmen. Gebäude und Grundstück im Berliner Vorort Zehlendorf hatten sie im Internet entdeckt. Dass es zuvor zu keinem Verkauf kam, verdanken sie der unvorteilhaften Parzellengröße: Erst zwei sogenannte Stadtvillen hätten sich für Investoren gerechnet, aber nicht gepasst. Sonst hätte die ehemalige Druckerhalle aus den Siebzigerjahren wohl längst etwas Neuem weichen müssen. Für das Büro SEHW Architektur aber passte die Umwandlung des ehemaligen Gewerbebaus in ein familiengerechtes Wohnhaus ins Portfolio. „Es gibt kaum ein Gebäude, aus dem man nichts machen kann“, ist Egger überzeugt. Bauen im Bestand ist für ihn und sein Team eine Frage der Haltung. Seine Leidenschaft gilt „vermeintlichen hässlichen Entlein“ wie der Zehlendorfer Druckerei, aus denen er mit Verve herauskitzelt, was an Potenzial in ihnen steckt. „Häutung“ nennt Xaver Egger diesen Prozess. (…)

erschienen in HÄUSER Magazin Oktober/November 2019

Silicon Hill in Kopenhagen

erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, von Stephan Burkoff & Jeanette Kunsmann


Wie ein gigantisches Tier mit dampfendem Rüssel erhebt sich dieser ungewöhnliche Bau nördlich der Kopenhagener Innenstadt. In seinem Bauch befindet sich die städtische Müllverbrennungsanlage mit integriertem Wärmekraftwerk. Und auf seinem Rücken? Drei Ski-Pisten für Anfänger und Fortgeschrittene, insgesamt 450 Meter lang. Architekt des Tieres, ist der Däne Bjarke Ingels, er ist für Überraschungen und Größenwahn bekannt. Dieses Mal kombiniert er spielerisch Nutzungen miteinander, die sich bisher ausgeschlossen haben: Müllentsorgung und Erholung. Spaß und Nachhaltigkeit…

Heimweh kennt kein Alter

Meine Schwester sitzt in L.A. am Strand und hat extrem schlechte Laune. Die Sache mit Kalifornien hat sie sich irgendwie anders vorgestellt. Als wir telefonieren, rauscht es im Hintergrund. Nicht etwa das Meer, die Autobahn: sechsspurig! Man darf für seinen Ausflugstag am Strand weder Essen noch Getränke mitbringen, Rauchen und Alkohol kann man allgemein vergessen, zum Surfen ist es noch zu kalt. Aber das ist es nicht einmal, was sie so stört. Auch nicht, dass alles das Zehnfache kostet und nicht mal die Hälfte wert ist. „Hier ist einfach alles Fake, wirklich alles“, erklärt sie entsetzt und hustet in ihr Smartphone. „Das Essen, die Häuser, die Menschen, einfach alles.“ Aber nicht nur das Essen hinterlässt einen faden Geschmack. Sie sind durch Asien und Afrika gereist, in Amerika nehmen beide über fünf Kilo ab. In zehn Tagen.

Es tut mir unendlich leid. Ich weiß, wie groß ihre Sehnsucht nach diesem Ort war. Seitdem sie 13 ist, wollte sie schon immer noch L.A. – 17 Jahre später feiert sie dort ihren 30. Geburtstag am Strand und wünscht sich lieber zurück nach Hause, nach Neapel. Heimweh. Manchmal passiert einem das. Sie hatten einfach die Entfernung unterschätzt: geografisch wie kulturell. Das kann einem überall passieren: Dann steht man also eines Tages endlich in Marrakesch, in New York, in Tel Aviv, in Florenz, in Peking, am Schwarzen Meer, in Reykjavik, in Lissabon, in Berlin an diesem entfernten Ort, nach dem man sich schon lange gesehnt hatte, und ist einfach nur enttäuscht. Natürlich, weil man sich selbst getäuscht hat. Weil man sich täuschen lassen wollte. Weil Reisen mehr als eine Postkarte ist. Weil die Phantasie eben doch besser ist, als die Wirklichkeit. Nur bräunen kann man sich in ihr noch nicht.

Die Japaner haben einen Namen dafür. Sie sprechen vom Paris-Syndrom, wenn die Erwartung eines Reisenden mit der Realität des Ziels so stark auseinanderfällt, dass sich sogar eine vorübergehende psychische Störung einstellen kann. Da man schließlich kein kleines Kind mehr ist, weint man sein Heimweh nur ganz leise ins Kopfkissen und versucht das Beste aus der Situation zu machen. Darf dann nur nicht regnen, das spült die Stimmung gleich wieder auf unter Null. Meine Schwester denkt an Mexiko. Dort war sie vorher, da war es schön. Das Essen, die Maja-Ruinen, die Menschen. „Ich weiß ehrlich nicht, was wir hier in L.A. die letzten Tage gemacht haben.“ Sie seufzt und lächelt dabei ins Display. „Ich habe ja nicht einmal ein Buch dabei!“ Immerhin kann sie noch Lachen. Und ich denke: Zum Glück reist ihr nur zu zweit, ohne Kinder: Dann wird jede Reiseenttäuschung kombiniert mit schlechtem Wetter schnell zu einer extrem kostspieligen wie nervenaufreibenden Höllentortur. So viel Uno kann man gar nicht spielen.

Fremd sein. Fremder sein. Reisen bildet. – „Und der Rückflug?“ – „Geht erst in zehn Tagen!“ Immerhin kann man sich bei solchen Reisen vielleicht zu sich selbst finden. „Europa ist einfach am Geilsten“, ruft meine Schwester noch zum Abschied ins Telefon. Dann bricht die Verbindung ab.

Optimimus ist das Fundament des Hauses: Balkrishna Doshi

Über die Ausstellung im Vitra Design Museum, erschienen im FAZ Feuilleton am 4. Juni 2019

Strandkabine mit Horizont: Ferienhaus von Atelier Oslo

Die Stille braucht nicht viel Platz, aber Weitblick. Den hat das „House on an Island“ auf der norwegischen Insel Skåtoy. Entworfen hat den auffällig-unauffälligen Flachbau das Büro Atelier Oslo.

erschienen in HÄUSER Spezial: Holzarchitektur, Ausgabe 4/2019


Bauen mit Holz, Spezial HÄUSER, August/September 2019


Wir sind vier

erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, 31. März 2019

Zurück in die Zukunft

Arata Isozaki wird im Mai der Pritzker-Preis verliehen: für sein Schaffen als Architekt und Stadtplaner, aber vor allem als visionärer Theoretiker, der versucht, die Zeit umzukehren, indem er die Zukunft in die Vergangenheit verwandelt.

Arata Isozaki, © Pritzker Prize

„Für mich ist die moderne Stadt angefüllt mit Unsichtbaren“, schreibt Arata Isozaki. „Sie ist wie das Labyrinth in Alice hinter den Spiegeln, wo es unmöglich ist, die Dinge zu erfassen, die einem entgegenfliegen.“ Diese Sätze, die so aktuell klingen, stammen aus dem Essay Unsichtbare Stadt, den der Querdenker bereits 1967 verfasst hat. Ein halbes Jahrhundert ist seitdem vergangen. Liest man heute die großen Theorien des japanischen Architekten, wirken sie absolut zeitgemäß. Und wenn Arata Isozaki fragt: „Können wir nicht die Vergangenheit, so wie wir sie uns in der Zukunft vorstellen, in Zukunft verwandeln?“, lautet die Antwort für den 87-Jährigen seit gestern: Ja. Denn im Mai 2019 wird Isozaki einen ziemlich großen Preis erhalten: nämlich die tatsächlich immer noch wichtigste Auszeichnung, die einem Architekt überhaupt verliehen werden kann. Arata Isozaki ist der 46. Pritzker-Preisträger.

Damit hat natürlich wieder keiner gerechnet. Weshalb es wie jedes Jahr durch die Welt raunt: „Warum der?“. Dabei fragt man sich doch vielmehr: „Warum erst jetzt?“ Wurden doch jüngere Kollegen wie Tadao Ando, Toyo Ito, SANAA und Shigeru Ban, also allesamt Architekten, die Arata Isozaki maßgeblich beeinflusst hat, schon längst mit dem Pritzker-Preis geehrt. Auch Zaha Hadid wäre hier zu nennen. Zumindest bis ihr Förderer 2014 ihren Stadionentwurf für die olympischen Spiele in Tokio mit seiner Schildkrötenmetapher kritisierte („A turtle waiting for Japan to sink so that it can swim away“). Isozaki gewann mit diesen wenigen Worten als Architekturkritiker an Profil, Hadid verlor einen Großauftrag. In der Zukunft ist dann alles einfach nur Vergangenheit.

Zum gesamten Artikel, erschienen bei www.stylepark.com