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Silicon Hill in Kopenhagen

erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, von Stephan Burkoff & Jeanette Kunsmann


Wie ein gigantisches Tier mit dampfendem Rüssel erhebt sich dieser ungewöhnliche Bau nördlich der Kopenhagener Innenstadt. In seinem Bauch befindet sich die städtische Müllverbrennungsanlage mit integriertem Wärmekraftwerk. Und auf seinem Rücken? Drei Ski-Pisten für Anfänger und Fortgeschrittene, insgesamt 450 Meter lang. Architekt des Tieres, ist der Däne Bjarke Ingels, er ist für Überraschungen und Größenwahn bekannt. Dieses Mal kombiniert er spielerisch Nutzungen miteinander, die sich bisher ausgeschlossen haben: Müllentsorgung und Erholung. Spaß und Nachhaltigkeit…

Heimweh kennt kein Alter

Meine Schwester sitzt in L.A. am Strand und hat extrem schlechte Laune. Die Sache mit Kalifornien hat sie sich irgendwie anders vorgestellt. Als wir telefonieren, rauscht es im Hintergrund. Nicht etwa das Meer, die Autobahn: sechsspurig! Man darf für seinen Ausflugstag am Strand weder Essen noch Getränke mitbringen, Rauchen und Alkohol kann man allgemein vergessen, zum Surfen ist es noch zu kalt. Aber das ist es nicht einmal, was sie so stört. Auch nicht, dass alles das Zehnfache kostet und nicht mal die Hälfte wert ist. „Hier ist einfach alles Fake, wirklich alles“, erklärt sie entsetzt und hustet in ihr Smartphone. „Das Essen, die Häuser, die Menschen, einfach alles.“ Aber nicht nur das Essen hinterlässt einen faden Geschmack. Sie sind durch Asien und Afrika gereist, in Amerika nehmen beide über fünf Kilo ab. In zehn Tagen.

Es tut mir unendlich leid. Ich weiß, wie groß ihre Sehnsucht nach diesem Ort war. Seitdem sie 13 ist, wollte sie schon immer noch L.A. – 17 Jahre später feiert sie dort ihren 30. Geburtstag am Strand und wünscht sich lieber zurück nach Hause, nach Neapel. Heimweh. Manchmal passiert einem das. Sie hatten einfach die Entfernung unterschätzt: geografisch wie kulturell. Das kann einem überall passieren: Dann steht man also eines Tages endlich in Marrakesch, in New York, in Tel Aviv, in Florenz, in Peking, am Schwarzen Meer, in Reykjavik, in Lissabon, in Berlin an diesem entfernten Ort, nach dem man sich schon lange gesehnt hatte, und ist einfach nur enttäuscht. Natürlich, weil man sich selbst getäuscht hat. Weil man sich täuschen lassen wollte. Weil Reisen mehr als eine Postkarte ist. Weil die Phantasie eben doch besser ist, als die Wirklichkeit. Nur bräunen kann man sich in ihr noch nicht.

Die Japaner haben einen Namen dafür. Sie sprechen vom Paris-Syndrom, wenn die Erwartung eines Reisenden mit der Realität des Ziels so stark auseinanderfällt, dass sich sogar eine vorübergehende psychische Störung einstellen kann. Da man schließlich kein kleines Kind mehr ist, weint man sein Heimweh nur ganz leise ins Kopfkissen und versucht das Beste aus der Situation zu machen. Darf dann nur nicht regnen, das spült die Stimmung gleich wieder auf unter Null. Meine Schwester denkt an Mexiko. Dort war sie vorher, da war es schön. Das Essen, die Maja-Ruinen, die Menschen. „Ich weiß ehrlich nicht, was wir hier in L.A. die letzten Tage gemacht haben.“ Sie seufzt und lächelt dabei ins Display. „Ich habe ja nicht einmal ein Buch dabei!“ Immerhin kann sie noch Lachen. Und ich denke: Zum Glück reist ihr nur zu zweit, ohne Kinder: Dann wird jede Reiseenttäuschung kombiniert mit schlechtem Wetter schnell zu einer extrem kostspieligen wie nervenaufreibenden Höllentortur. So viel Uno kann man gar nicht spielen.

Fremd sein. Fremder sein. Reisen bildet. – „Und der Rückflug?“ – „Geht erst in zehn Tagen!“ Immerhin kann man sich bei solchen Reisen vielleicht zu sich selbst finden. „Europa ist einfach am Geilsten“, ruft meine Schwester noch zum Abschied ins Telefon. Dann bricht die Verbindung ab.

Optimimus ist das Fundament des Hauses: Balkrishna Doshi

Über die Ausstellung im Vitra Design Museum, erschienen im FAZ Feuilleton am 4. Juni 2019

Strandkabine mit Horizont: Ferienhaus von Atelier Oslo

Die Stille braucht nicht viel Platz, aber Weitblick. Den hat das „House on an Island“ auf der norwegischen Insel Skåtoy. Entworfen hat den auffällig-unauffälligen Flachbau das Büro Atelier Oslo.

erschienen in HÄUSER Spezial: Holzarchitektur, Ausgabe 4/2019


Bauen mit Holz, Spezial HÄUSER, August/September 2019


Wir sind vier

erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, 31. März 2019

Zurück in die Zukunft

Arata Isozaki wird im Mai der Pritzker-Preis verliehen: für sein Schaffen als Architekt und Stadtplaner, aber vor allem als visionärer Theoretiker, der versucht, die Zeit umzukehren, indem er die Zukunft in die Vergangenheit verwandelt.

Arata Isozaki, © Pritzker Prize

„Für mich ist die moderne Stadt angefüllt mit Unsichtbaren“, schreibt Arata Isozaki. „Sie ist wie das Labyrinth in Alice hinter den Spiegeln, wo es unmöglich ist, die Dinge zu erfassen, die einem entgegenfliegen.“ Diese Sätze, die so aktuell klingen, stammen aus dem Essay Unsichtbare Stadt, den der Querdenker bereits 1967 verfasst hat. Ein halbes Jahrhundert ist seitdem vergangen. Liest man heute die großen Theorien des japanischen Architekten, wirken sie absolut zeitgemäß. Und wenn Arata Isozaki fragt: „Können wir nicht die Vergangenheit, so wie wir sie uns in der Zukunft vorstellen, in Zukunft verwandeln?“, lautet die Antwort für den 87-Jährigen seit gestern: Ja. Denn im Mai 2019 wird Isozaki einen ziemlich großen Preis erhalten: nämlich die tatsächlich immer noch wichtigste Auszeichnung, die einem Architekt überhaupt verliehen werden kann. Arata Isozaki ist der 46. Pritzker-Preisträger.

Damit hat natürlich wieder keiner gerechnet. Weshalb es wie jedes Jahr durch die Welt raunt: „Warum der?“. Dabei fragt man sich doch vielmehr: „Warum erst jetzt?“ Wurden doch jüngere Kollegen wie Tadao Ando, Toyo Ito, SANAA und Shigeru Ban, also allesamt Architekten, die Arata Isozaki maßgeblich beeinflusst hat, schon längst mit dem Pritzker-Preis geehrt. Auch Zaha Hadid wäre hier zu nennen. Zumindest bis ihr Förderer 2014 ihren Stadionentwurf für die olympischen Spiele in Tokio mit seiner Schildkrötenmetapher kritisierte („A turtle waiting for Japan to sink so that it can swim away“). Isozaki gewann mit diesen wenigen Worten als Architekturkritiker an Profil, Hadid verlor einen Großauftrag. In der Zukunft ist dann alles einfach nur Vergangenheit.

Zum gesamten Artikel, erschienen bei www.stylepark.com

The Botanical Room

Echeveria pulvinata. Foto: Hanni Schermaul

Der Dschungel wächst bei Instagram und Pinterest. Das große Comeback der Zimmerpflanze (#monstera, #maranta und #pilea) beginnt online, und plötzlich ist es wieder cool, grüne Geschöpfe als Mitbewohner zu haben. Sie zahlen zwar keine Miete, brauchen dafür aber nicht mehr als lauwarmes Wasser, Licht und etwas Liebe. Über die wachsende Erfolgsgeschichte von The Botanical Room.

„Fast jeder hat doch ein schwarzes und ein weißes T-Shirt im Schrank. Bei Pflanzen ist es genau die gleiche Nummer“, sagt Hanni Schermaul und lacht. Das weiße T-Shirt im Botanical Room ist die Monstera deliciosa. Oder Pilea peperomioides, auch Ufopflanze genannt. Solche Zimmerpflanzen mag jeder, es sind wahre Bestseller. Persönlich mag Schermaul lieber Pflanzen, „die komisch aussehen“: die Freaks, zum Beispiel Euphorbia platyclada. „Diese Pflanze ist für mich besonders, weil sie ein irres Muster hat und so aussieht, als wäre sie schon tot. Sie heißt auch Dead Stick Plant.“ Um eine Vorstellung von der lebenden Toten zu bekommen, zeigt sie auf ihrem Smartphone ein Foto: erst ein Close-up, dann die Pflanze als Ganzes. Es sind schöne Bilder, die irgendwie an die Set Cards von Supermodels erinnern.

Sie bezeichnet sich selbst als „Architektin im Ruhestand“, seit 2015 widmet sich Hanni Schermaul den „schönen Dingen des Lebens“, zum Beispiel: einfach mal den Pflanzenhandel revolutionieren. Das hat sie längst geschafft. The Botanical Room heißt ihr Online-Shop, den es seit Frühling 2018 auch als echte Adresse in Berlin-Kreuzberg gibt. „Meine Idee war, Pflanzen anders als üblich darzustellen“, erklärt die junge Unternehmerin. „Ich bin ja nicht die Erste, die online Zimmerpflanzen verkauft, da gibt es viele. Nur unterscheidet sich die Produktfotografie. Mir ist es wichtig, meine Pflanzen so zu inszenieren, dass sie selbst zum Designobjekt, zu Hauptdarstellern werden.“

Das Geschäftskonzept erklärt sich schnell: Im Botanical Room verkauft Hanni Schermaul ausschließlich Zimmerpflanzen und Accessoires von verschiedenen Designern, die sie stets aufs Neue kuratiert. Kräuter, Schnittblumen oder Balkonpflanzen gibt es bei ihr nicht. Aus einer ursprünglichen Schnapsidee entwickelte sich ein florierendes Geschäft. „Ich kündige einfach und mache einen Kaktusladen auf“, erinnert sich Hanni Schermaul. „Das habe ich mal so aus Witz gesagt, als ich noch im Architekturbüro gearbeitet habe.“ Ganz so einfach war es natürlich nicht. Eines Tages kündigt die Architektin tatsächlich ihren Job, geht für ein Jahr nach Griechenland und versucht, sich zu entspannen. „Ich war damals einfach zu beschäftigt und zu gestresst, um neue Ideen zu produzieren. Ich musste erst einmal lernen, keine Aufgabe mehr zu haben, mich treiben zu lassen.“ Nach drei Monaten fällt ihr der Kaktusladen wieder ein. Sie schreibt erst das Konzept, dann den Businessplan und fliegt zurück nach Berlin. Ende 2016 steht alles, ihr Baby hat endlich einen passenden Namen gefunden und www.thebotanicalroom.com geht online.

Ein gutes Jahr später explodiert das Geschäft. Alle wollen Zimmerpflanzen, entweder als Geschenk oder für das eigene Zuhause. Auch Shops und Büros engagieren The Botanical Room für die Begrünung ihrer Räume. „Ich kam früher in puncto Interior und Einrichtung bei Pflanzen schnell an eine Grenze“, erklärt Hanni Schermaul ihren schnellen Erfolg. „Die meisten Pflanzen, die verkauft wurden, hatte ich schon hunderte Male gesehen. Wenn ich dann eine schöne Pflanze fand, ging der Übertopf dazu meist gar nicht. Die angebotenen Pflanzenaccessoires waren nicht zeitgemäß und passten auch nicht in meine eher modern und minimalistisch eingerichtete Wohnung. Ich denke, dass ich da mit meinem Konzept bei vielen auf offene Ohren gestoßen bin.“ Bei Instagram folgen @thebotanicalroom aktuell 22.100 Abonnenten aus der ganzen Welt, der Online-Shop wächst. Verschickt wird von Montag bis Mittwoch, damit keine Pflanze zu lange bei DHL hängen bleibt. Zwei bis drei Tage gehen die botanischen Skulpturen auf Reisen, bis sie bei den Kunden in ihrem neuen Zuhause ankommen.

Liegt eine Pflanze in ihrem Geschäft mal wirklich im Sterben, nimmt Hanni Schermaul diese mit nach Hause und päppelt sie wieder auf. Solche Exemplare gibt sie dann meistens im Freundeskreis weiter. Doch zurück zur Dead Stick Plant und den weißen Shirts. „Die Pflanzen, die ich am liebsten mag, verkaufen sich nämlich leider am schlechtesten“, erzählt Hanni Schermaul. Woran das liegt? Die Menschen mögen klassische Schönheiten, das, was sie kennen und die Monstera bleibe eben die sichere Nummer. „Jeden Tag werden bestimmt 50.000 Fotos mit dem Hashtag Monstera bei Instagram hochgeladen. Die Monstera ist auch eine coole Pflanze. Abertausend Bilder später bin ich persönlich einfach visuell übersättigt.“ Deshalb preist sie ihre Freaks immer wieder mit blühender Begeisterung an: im Laden, online und auch auf diesen Seiten. Die Makroaufnahmen zeigen die botanischen Sonderlinge mit neuem Fokus und anderer Ästhetik: eine Bereicherung für jeden Indoor-Dschungel. Und wer sich jetzt mal kurz an seine besten Mitbewohner erinnert: Waren die nicht auch immer Freaks?

www.thebotanicalroom.com

Artikel erschienen in DEAR Magazin, Herbst 2018

Minimalismus aus Leder: Dieter Rams & Tsatsas

Rasierer, Radios und Möbel – gutes Design umfasst für Dieter Rams bekanntlich das gesamte Leben. Jetzt bringt das Frankfurter Taschenlabel Tsatsas eine Damenhandtasche heraus, die Deutschlands bekanntester Industriedesigner vor über 50 Jahren für seine Frau Ingeborg Kracht Rams entworfen hat. Eine Liebeserklärung, die zeitlos bleibt.

Er war noch ziemlich jung. Als Dieter Rams die Fotografin Ingeborg Kracht kennenlernt, ist er gerade 23 Jahre alt. Sein Architekturstudium in Wiesbaden hat Rams soeben abgeschlossen, kurze Zeit später – es ist das Jahr 1955 – beginnt er, bei Braun in Kronberg zu arbeiten. Dort begegnet der junge Innenarchitekt besagter Fotografin. Auch sie arbeitet zu dieser Zeit bei Braun. Die beiden werden ein Paar. Er baut ihr ein Haus inmitten der Bungalowsiedlung in Kronberg, in dem beide seit fast 50 Jahren leben. Und er entwirft für seine Frau eine Handtasche, die Ingeborg Kracht Rams noch heute hat: reduziert, wie alle Produkte und Möbel von Dieter Rams – nichts ist zu viel, nichts fehlt. Vor allem das Innenleben ist durchdacht.

„Natürlich ist es ein sehr reduzierter und zurückhaltender Entwurf“, sagt auch Esther Tsatsas. „Es ist eine klassische Damenhandtasche, die sich im Inneren sehr schön auffächert.“ Sie redet mit Begeisterung und freut sich über das gemeinsame Projekt mit Dieter Rams. Auch Esther Tsatsas hat wie Rams zunächst Architektur studiert und landet über Umwege beim Design. 2012 gründet sie mit ihrem Mann, dem Industriedesigner Dimitrios Tsatas, das Label Tsatsas. Ihre Ledertaschen verbinden traditionelle Handwerkskunst mit zeitloser Formensprache und einer sensiblen Ausarbeitung sämtlicher Details. „Ich denke, dass wir generell etwas anders arbeiten, als man es eigentlich machen würde. Wir betrachten eine Tasche als ein Produkt, das langlebig sein sollte“, verdeutlicht Tsatsas.

Es passt also, dass Dieter Rams Anfang des Jahres das Frankfurter Duo Tsatsas anfragt, ob es nicht Interesse an der Neuauflage seiner Damenhandtasche habe. Zu diesem Zeitpunkt haben Esther und Dimitrios Tsatsas gerade eine Tasche von dem verstorbenen Architekten Ferdinand Kramer auf den Markt gebracht. „Ferdinand Kramer hatte nämlich in den Sechzigerjahren eine Handtasche für seine Frau Lore Kramer entworfen“, erinnert sich Esther Tsatsas. „Vor ein paar Jahren kam sie auf uns zu, um uns von dieser Handtasche zu erzählen. Wir haben dann mit ihr zusammen diesen nie veröffentlichten Entwurf ihres Mannes neu aufgelegt.“ Als Dieter Rams von dieser Geschichte hört, fragt auch er vorsichtig bei Tsatsas an.

Aus dem ersten Gespräch wird eine enge Kooperation. „Es war sehr konstruktiv, sehr entspannt und sehr offen“, sagen die Frankfurter Gestalter. Dieter Rams habe einen sehr hohen Anspruch an Gestaltung und seine Gestaltungsprinzipien. „Ich glaube, dass diese gut zu den unsrigen passen“, meint Esther Schulze-Tsatsas. Ihr gefällt vor allem das schön gestaltete Innenleben der Handtasche, an dem das Duo zusammen mit Dieter Rams noch mal gearbeitet, einige Details verändert und angepasst hat.

Dass die Tasche 1963 entsteht, sieht man ihr nicht an. Dabei sind seitdem 55 Jahre vergangen, vieles hat sich verändert. Der Kalte Krieg wurde beendet, Deutschland wiedervereinigt, die Rassentrennung aufgehoben, die erste Mondlandung gefeiert, das Internet erfunden: Unsere Gesellschaft zeichnet heute eine andere Realität. Dennoch könnte 931 ebenso ein aktueller Entwurf von 2018 sein. Die Handtasche von Ingeborg Rams ist somit ein Paradebeispiel für das, was man zeitloses Design nennt.

Damit 931 ins Heute passt, bekommt die Tasche einen Schulterriemen, der sich aber auch abnehmen lässt. „Die ursprüngliche Version hatte keinen Riemen. Es war allein eine Tasche, die in der Hand zu tragen war“, sagt Tsatsas, „was heute nicht mehr den Ansprüchen einer modernen Frau entsprechen würde.“  Die Konstruktion einer Tasche sei am Ende etwas sehr Mathematisches – „schon das Erstellen der Schnittmuster“, findet Schulze-Tsatsas. „Und man kann schon behaupten, dass eine Tasche auf ihre Art und Weise auch Architektur im Kleinen ist.“ So wundert es gar nicht, dass Dimitrios und Esther Tsatsas mit einem anderen Architekten schon lange an einem nächsten Projekt arbeiten. Was genau, möchten sie noch nicht verraten. Es wird mit großer Wahrscheinlichkeit aus Leder sein. 

(erschienen in DEAR#04/2018)

www.tsatsas.com

Studio Visit: Kuehn Malvezzi

„Erst heute morgen haben wir noch überlegt, was wir jetzt eigentlich mit unserer Handbibliothek machen sollen“, sagt Wilfried Kuehn und trinkt einen Schluck Espresso. Sein Blick wandert durch den Garten. „Aber vermutlich werden wir uns einfach davon trennen“, schließt er nach einer kurzen Pause. Mit dem Umzug von der Heidestraße in die Torstraße sollte sich nicht nur das Büro in die Vertikale ziehen – Kuehn spricht von einem Townhouse – das gesamte Team von Kuehn Malvezzi arbeitet seit Jahresbeginn hauptsächlich digital: „Es liegt kein Papier mehr auf den Tischen“, erklärt der Architekt. Die Umstellung ist enorm, aber effektiv: Alles wurde digitalisiert und archiviert, neben Nachschlagewerken wie dem Neufert konnten sogar die Telefone im Computer verschwinden. „Die Mitarbeiter nutzen zum Telefonieren ein Programm und die schlanken Kopfhörer vom Smartphone“, erklärt Kuehn. „Das funktioniert sehr gut.“

© Giovanna Silva

Freie Tische bedeuten auch Freiheit für Kreativität. Und eine flexible Platzwahl. Auch wenn es bei Kuehn Malvezzi sogenannte Projektarbeitsplätze gibt, wechseln die Mitarbeiter nicht jeden Tag ihren Schreibtisch. Simona Malvezzi und den Brüdern Wilfried und Johannes Kuehn, die 2001 ihr gemeinsames Büro gegründet haben, geht es dabei um Austausch. „Wir wollten ausschließen, dass sich durch die Verteilung auf die einzelnen Etagen am Ende kleine Gruppen bilden“, begründet Wilfried Kuehn das Arbeitsplatzkonzept. „Nun wechseln die verschiedenen Architekten ihren Tisch je nach Projekt und arbeiten mal im zweiten, mal im ersten Geschoss.“ In der dritten Etage wartet ebenfalls ein langer Tisch mit Blick auf die Torstraße, im Erdgeschoss trifft man sich auch mit Gästen und Fachplanern zu Besprechungen – „so ist man nie ganz raus, sondern bleibt im Geschehen.“

Der Eingang öffnet sich zur Straße, „hier könnte auch eine Bar stehen, letzte Woche hatten wir im Entree ein kleines Fotoshooting“, erzählt der Architekt. Die vertikale Aufteilung der einzelnen Nutzungen pro Etage erlaubt Kuehn Malvezzi, auf Türen zu verzichten: eine Offenheit, die bewusst gewollt ist. Eine schmale Treppe an der Seite verbindet die Büroetagen, wobei sich Garderobe, Wasserspender, Drucker und Plotter in den Nischen vor und nach der Treppe extrem gut platzieren. Einen Aufzug gibt es auch, er verschwindet hinter einer weißen Tür. Wir sitzen im rückseitigen Garten, in dem sich eine unglaubliche Ruhe ausbreitet, obwohl draußen die Torstraße tobt. Dass man den Verkehr nicht hört, liegt an der Höhe des Vorderhauses. Und da Kuehn Malvezzi ihren Neubau mit den Geschosshöhen eines Berliner Altbaus entworfen haben, fällt dieser gar nicht so auf. Der Architekt redet von den Schallschutzfenstern: „Der Öffnungsflügel zur Torstraße ist ein Fenster, das sich in eine Wandtasche schiebt – ähnlich, wie es Schinkel für die Bauakademie geplant hatte.“ Das sieht gut aus und es funktioniert. Akustik findet Wilfried Kuehn in einem Büro mit das Wichtigste: zehn Meter lange Akustikwände wurden vom Künstler Michael Riedel als textile Wandarbeit für den Ort gemacht und deshalb sitzen die Architekten bei Kuehn Malvezzi auch alle an einem langen Tisch, der sich aus zehn Schreibtischen zusammensetzt. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass der Lärmpegel bei kleinen Gruppen und Kojen steigt“, sagt Kuehn. „Wenn man die Schreibtische so anordnet, dass sich alle sehen, ist es von Beginn an leise und es bleibt auch leise.“

Was im Inneren sofort auffällt ist der helle, weiche Boden: ein Magnesiaestrich, der gerade gewachst wurde, um die empfindliche Oberfläche zu schützen. Mit seiner fugenlosen Ästhetik betont er die Horizontale jeder Etage. Vielleicht spürt man das venezianische Steinpulver, vielleicht erinnert das Magnesium an die alten Skulpturen, denen man noch aus der Antike begegnen kann. „Der Boden war für uns ein Experiment.“ Die Sprache des Materials gewinnt in Zeiten der Digitalisierung an Bedeutung. Einen weiteren Gegenpol zum digitalen Büro bildet auch der Garten, den die Landschaftsarchitekten Atelier Le Balto gestaltet haben. Das Trio arbeitet regelmäßig mit Kuehn Malvezzi zusammen – Garten und Pavillon für das House of One in Berlin sind ein gemeinsames Projekt. Für das Architekturbüro hat das Atelier Le Balto eine reduzierte Oase geschaffen: Ein umlaufendes Betonplateau rahmt den Garten ein und führt wie ein Kreuzgang um die Mitte, in die drei junge Robinien gepflanzt wurden. Als Abtrennung dienen Kirschbäume, die am Spalier wachsen und eine Wand bilden. So ergibt sich ein Raum im Garten, während sich der Kreuzgang sehr gut zum Telefonieren eignet, wie Wilfried Kuehn anführt. Auch wenn es einen Gärtner gibt, kümmern sich die Architekten selbst um die Bewässerung der Bäume und pflegen ihren Garten.

„Das Büro verändert sich“, meint Wilfried Kuehn und beschreibt es als einen sozialen Ort, deshalb gebe es auch so viele Coworking-Spaces. „Natürlich kann jeder einfach bei sich zuhause arbeiten, aber der Mensch sucht nach Austausch“, sagt der Architekt. Für ihn ist das Büro zum Lebensraum geworden, ein sozialer Ort mit einer ganz anderen Bedeutung, als vor 20 Jahren. Fehlt noch der Kaffee. Weil die Architekten keine Teeküchen mögen, haben sie in ihrem kleinen Gartenhaus einen Bartresen eingebaut, der aus der ehemaligen INIT Kunsthalle stammt und ein Stück Berlingeschichte transportiert. Praktischerweise lässt sich der Anbau so für verschiedene Anlässe nutzen. Heute riecht es nach frisch gemahlenem Espresso. Der lässt sich noch nicht entmaterialisieren.

erschienen im DEAR Magazin, Herbst 2018

Eine Höhle direkt aus der Zukunft: Junya Ishigami

Sein Denken hat vor allem einen Feind: die Standardisierung. Im Werkverzeichnis von Junya Ishigami + Associates gibt es dagegen kaum Wiederholungen. Jedes Projekt ist ein Prototyp, der sich aus einer typisch japanischen Ästhetik speist, ohne in Traditionalismus oder Nippon-Klischees zu verfallen.