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Monat: Dezember, 2018

The Botanical Room

Echeveria pulvinata. Foto: Hanni Schermaul

Der Dschungel wächst bei Instagram und Pinterest. Das große Comeback der Zimmerpflanze (#monstera, #maranta und #pilea) beginnt online, und plötzlich ist es wieder cool, grüne Geschöpfe als Mitbewohner zu haben. Sie zahlen zwar keine Miete, brauchen dafür aber nicht mehr als lauwarmes Wasser, Licht und etwas Liebe. Über die wachsende Erfolgsgeschichte von The Botanical Room.

„Fast jeder hat doch ein schwarzes und ein weißes T-Shirt im Schrank. Bei Pflanzen ist es genau die gleiche Nummer“, sagt Hanni Schermaul und lacht. Das weiße T-Shirt im Botanical Room ist die Monstera deliciosa. Oder Pilea peperomioides, auch Ufopflanze genannt. Solche Zimmerpflanzen mag jeder, es sind wahre Bestseller. Persönlich mag Schermaul lieber Pflanzen, „die komisch aussehen“: die Freaks, zum Beispiel Euphorbia platyclada. „Diese Pflanze ist für mich besonders, weil sie ein irres Muster hat und so aussieht, als wäre sie schon tot. Sie heißt auch Dead Stick Plant.“ Um eine Vorstellung von der lebenden Toten zu bekommen, zeigt sie auf ihrem Smartphone ein Foto: erst ein Close-up, dann die Pflanze als Ganzes. Es sind schöne Bilder, die irgendwie an die Set Cards von Supermodels erinnern.

Sie bezeichnet sich selbst als „Architektin im Ruhestand“, seit 2015 widmet sich Hanni Schermaul den „schönen Dingen des Lebens“, zum Beispiel: einfach mal den Pflanzenhandel revolutionieren. Das hat sie längst geschafft. The Botanical Room heißt ihr Online-Shop, den es seit Frühling 2018 auch als echte Adresse in Berlin-Kreuzberg gibt. „Meine Idee war, Pflanzen anders als üblich darzustellen“, erklärt die junge Unternehmerin. „Ich bin ja nicht die Erste, die online Zimmerpflanzen verkauft, da gibt es viele. Nur unterscheidet sich die Produktfotografie. Mir ist es wichtig, meine Pflanzen so zu inszenieren, dass sie selbst zum Designobjekt, zu Hauptdarstellern werden.“

Das Geschäftskonzept erklärt sich schnell: Im Botanical Room verkauft Hanni Schermaul ausschließlich Zimmerpflanzen und Accessoires von verschiedenen Designern, die sie stets aufs Neue kuratiert. Kräuter, Schnittblumen oder Balkonpflanzen gibt es bei ihr nicht. Aus einer ursprünglichen Schnapsidee entwickelte sich ein florierendes Geschäft. „Ich kündige einfach und mache einen Kaktusladen auf“, erinnert sich Hanni Schermaul. „Das habe ich mal so aus Witz gesagt, als ich noch im Architekturbüro gearbeitet habe.“ Ganz so einfach war es natürlich nicht. Eines Tages kündigt die Architektin tatsächlich ihren Job, geht für ein Jahr nach Griechenland und versucht, sich zu entspannen. „Ich war damals einfach zu beschäftigt und zu gestresst, um neue Ideen zu produzieren. Ich musste erst einmal lernen, keine Aufgabe mehr zu haben, mich treiben zu lassen.“ Nach drei Monaten fällt ihr der Kaktusladen wieder ein. Sie schreibt erst das Konzept, dann den Businessplan und fliegt zurück nach Berlin. Ende 2016 steht alles, ihr Baby hat endlich einen passenden Namen gefunden und www.thebotanicalroom.com geht online.

Ein gutes Jahr später explodiert das Geschäft. Alle wollen Zimmerpflanzen, entweder als Geschenk oder für das eigene Zuhause. Auch Shops und Büros engagieren The Botanical Room für die Begrünung ihrer Räume. „Ich kam früher in puncto Interior und Einrichtung bei Pflanzen schnell an eine Grenze“, erklärt Hanni Schermaul ihren schnellen Erfolg. „Die meisten Pflanzen, die verkauft wurden, hatte ich schon hunderte Male gesehen. Wenn ich dann eine schöne Pflanze fand, ging der Übertopf dazu meist gar nicht. Die angebotenen Pflanzenaccessoires waren nicht zeitgemäß und passten auch nicht in meine eher modern und minimalistisch eingerichtete Wohnung. Ich denke, dass ich da mit meinem Konzept bei vielen auf offene Ohren gestoßen bin.“ Bei Instagram folgen @thebotanicalroom aktuell 22.100 Abonnenten aus der ganzen Welt, der Online-Shop wächst. Verschickt wird von Montag bis Mittwoch, damit keine Pflanze zu lange bei DHL hängen bleibt. Zwei bis drei Tage gehen die botanischen Skulpturen auf Reisen, bis sie bei den Kunden in ihrem neuen Zuhause ankommen.

Liegt eine Pflanze in ihrem Geschäft mal wirklich im Sterben, nimmt Hanni Schermaul diese mit nach Hause und päppelt sie wieder auf. Solche Exemplare gibt sie dann meistens im Freundeskreis weiter. Doch zurück zur Dead Stick Plant und den weißen Shirts. „Die Pflanzen, die ich am liebsten mag, verkaufen sich nämlich leider am schlechtesten“, erzählt Hanni Schermaul. Woran das liegt? Die Menschen mögen klassische Schönheiten, das, was sie kennen und die Monstera bleibe eben die sichere Nummer. „Jeden Tag werden bestimmt 50.000 Fotos mit dem Hashtag Monstera bei Instagram hochgeladen. Die Monstera ist auch eine coole Pflanze. Abertausend Bilder später bin ich persönlich einfach visuell übersättigt.“ Deshalb preist sie ihre Freaks immer wieder mit blühender Begeisterung an: im Laden, online und auch auf diesen Seiten. Die Makroaufnahmen zeigen die botanischen Sonderlinge mit neuem Fokus und anderer Ästhetik: eine Bereicherung für jeden Indoor-Dschungel. Und wer sich jetzt mal kurz an seine besten Mitbewohner erinnert: Waren die nicht auch immer Freaks?

www.thebotanicalroom.com

Artikel erschienen in DEAR Magazin, Herbst 2018

Minimalismus aus Leder: Dieter Rams & Tsatsas

Rasierer, Radios und Möbel – gutes Design umfasst für Dieter Rams bekanntlich das gesamte Leben. Jetzt bringt das Frankfurter Taschenlabel Tsatsas eine Damenhandtasche heraus, die Deutschlands bekanntester Industriedesigner vor über 50 Jahren für seine Frau Ingeborg Kracht Rams entworfen hat. Eine Liebeserklärung, die zeitlos bleibt.

Er war noch ziemlich jung. Als Dieter Rams die Fotografin Ingeborg Kracht kennenlernt, ist er gerade 23 Jahre alt. Sein Architekturstudium in Wiesbaden hat Rams soeben abgeschlossen, kurze Zeit später – es ist das Jahr 1955 – beginnt er, bei Braun in Kronberg zu arbeiten. Dort begegnet der junge Innenarchitekt besagter Fotografin. Auch sie arbeitet zu dieser Zeit bei Braun. Die beiden werden ein Paar. Er baut ihr ein Haus inmitten der Bungalowsiedlung in Kronberg, in dem beide seit fast 50 Jahren leben. Und er entwirft für seine Frau eine Handtasche, die Ingeborg Kracht Rams noch heute hat: reduziert, wie alle Produkte und Möbel von Dieter Rams – nichts ist zu viel, nichts fehlt. Vor allem das Innenleben ist durchdacht.

„Natürlich ist es ein sehr reduzierter und zurückhaltender Entwurf“, sagt auch Esther Tsatsas. „Es ist eine klassische Damenhandtasche, die sich im Inneren sehr schön auffächert.“ Sie redet mit Begeisterung und freut sich über das gemeinsame Projekt mit Dieter Rams. Auch Esther Tsatsas hat wie Rams zunächst Architektur studiert und landet über Umwege beim Design. 2012 gründet sie mit ihrem Mann, dem Industriedesigner Dimitrios Tsatas, das Label Tsatsas. Ihre Ledertaschen verbinden traditionelle Handwerkskunst mit zeitloser Formensprache und einer sensiblen Ausarbeitung sämtlicher Details. „Ich denke, dass wir generell etwas anders arbeiten, als man es eigentlich machen würde. Wir betrachten eine Tasche als ein Produkt, das langlebig sein sollte“, verdeutlicht Tsatsas.

Es passt also, dass Dieter Rams Anfang des Jahres das Frankfurter Duo Tsatsas anfragt, ob es nicht Interesse an der Neuauflage seiner Damenhandtasche habe. Zu diesem Zeitpunkt haben Esther und Dimitrios Tsatsas gerade eine Tasche von dem verstorbenen Architekten Ferdinand Kramer auf den Markt gebracht. „Ferdinand Kramer hatte nämlich in den Sechzigerjahren eine Handtasche für seine Frau Lore Kramer entworfen“, erinnert sich Esther Tsatsas. „Vor ein paar Jahren kam sie auf uns zu, um uns von dieser Handtasche zu erzählen. Wir haben dann mit ihr zusammen diesen nie veröffentlichten Entwurf ihres Mannes neu aufgelegt.“ Als Dieter Rams von dieser Geschichte hört, fragt auch er vorsichtig bei Tsatsas an.

Aus dem ersten Gespräch wird eine enge Kooperation. „Es war sehr konstruktiv, sehr entspannt und sehr offen“, sagen die Frankfurter Gestalter. Dieter Rams habe einen sehr hohen Anspruch an Gestaltung und seine Gestaltungsprinzipien. „Ich glaube, dass diese gut zu den unsrigen passen“, meint Esther Schulze-Tsatsas. Ihr gefällt vor allem das schön gestaltete Innenleben der Handtasche, an dem das Duo zusammen mit Dieter Rams noch mal gearbeitet, einige Details verändert und angepasst hat.

Dass die Tasche 1963 entsteht, sieht man ihr nicht an. Dabei sind seitdem 55 Jahre vergangen, vieles hat sich verändert. Der Kalte Krieg wurde beendet, Deutschland wiedervereinigt, die Rassentrennung aufgehoben, die erste Mondlandung gefeiert, das Internet erfunden: Unsere Gesellschaft zeichnet heute eine andere Realität. Dennoch könnte 931 ebenso ein aktueller Entwurf von 2018 sein. Die Handtasche von Ingeborg Rams ist somit ein Paradebeispiel für das, was man zeitloses Design nennt.

Damit 931 ins Heute passt, bekommt die Tasche einen Schulterriemen, der sich aber auch abnehmen lässt. „Die ursprüngliche Version hatte keinen Riemen. Es war allein eine Tasche, die in der Hand zu tragen war“, sagt Tsatsas, „was heute nicht mehr den Ansprüchen einer modernen Frau entsprechen würde.“  Die Konstruktion einer Tasche sei am Ende etwas sehr Mathematisches – „schon das Erstellen der Schnittmuster“, findet Schulze-Tsatsas. „Und man kann schon behaupten, dass eine Tasche auf ihre Art und Weise auch Architektur im Kleinen ist.“ So wundert es gar nicht, dass Dimitrios und Esther Tsatsas mit einem anderen Architekten schon lange an einem nächsten Projekt arbeiten. Was genau, möchten sie noch nicht verraten. Es wird mit großer Wahrscheinlichkeit aus Leder sein. 

(erschienen in DEAR#04/2018)

www.tsatsas.com