Beton in der Rotunde

Tadao Ando hat in Paris für die Pinault-Collection eine 250 Jahre alte Warenbörse in ein neues Ausstellungshaus verwandelt. Der Pritzker-Preisträger setzt in dem historischen Rundbau einen kontrastreichen Horizont. Darunter schimmert sanfter Sichtbeton. – erschienen bei http://www.stylepark.com

Foto: Marc Domage, Bourse de Commerce – Pinault Collection

Profiboxer, Pritzker-Preisträger und Purist: Mit seinem konsequenten Betonminimalismus bereichert Tadao Ando seit den Siebzigerjahren als Autodidakt die japanische Architektur. Seit Ende der Achtzigerjahre baut er international mit Projekten in New York, Texas und Venedig, in Weil am Rhein wie in Neuss, Bad Münster und aktuell in Paris. Dort ist ihm mit der Sanierung und dem Umbau der Warenbörse aus dem 18. Jahrhundert in ein Privatmuseum für moderne und zeitgenössischen Kunst ein neuer Coup gelungen: die Bourse de Commerce – Pinault Collection. In hervorragender Lage im ersten Arrondissement zwischen Louvre, Centre Pompidou und Les Halles wird Tadao Andos Zylinder aus Sichtbeton Architekturfans aus aller Welt anlocken. Obwohl längst fertig gestellt, musste die geplante Eröffnung nun pandemiebedingt ein zweites Mal verschoben werden. Dennoch sind zwischen der stolzen Ankündigung, dass der französische Unternehmer, Milliardär und Kunstsammler François Pinault in der Warenbörse ein Museum für zeitgenössische sowie moderne Kunst plant und der Fertigstellung nur fünf Jahre vergangen. Drei Jahre lang war die Bourse de Commerce hinter Baugerüsten und -planen verhüllt. Für ein Vorhaben dieser Größe im denkmalgeschützten Bestand inklusive Renovierungs- und Sanierungsmaßnamen eine ungewöhnlich zügige Prozedur. Anders als andere Institutionen verliert die Pinault Collection keine Zeit.

Schon der Bestand für sich allein wirkt beeindruckend, wobei die Baugeschichte des erhabenen Solitärs von Um- und Wiederaufbauten geprägt ist. 1763 als Rundbau von Nicolas Le Camus de Mézières als Getreidespeicher errichtet, wurde dessen Innenhof 1782 von Jacques-Guillaume Legrand und Jacques Molinos mit einer gläsernen Kuppel überdacht, nach einem Brand ab 1806 von François-Joseph Bélanger und François Brunet erneuert, um dann von 1875 bis 1888 von Henri Blondel zur Warenbörse umgebaut zu werden. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wird die Rotunde von der Pariser Industrie- und Handelskammer genutzt und ist seit 1975 als Baudenkmal geschützt. Als Bürgermeisterin Anne Hidalgo 2015 Pinault die Bourse de Commerce für seine Pariser Dependance vorschlug, zögerte dieser keine Sekunde. Dass für den Umbau der Rotunde Tadao Ando verantwortlich zeichnen wird, lag auf der Hand. Schließlich kann der japanische Baumeister mit seinen Pinault-Projekten in Venedig für den Palazzo Grassi (2006), der Punta della Dogana (2009) und dem Teatrino (2013) durchaus als Hausarchitekt der Pinault Collection bezeichnet werden – der Bauherr selbst nennt Tadao Ando einen „Kompagnon“. Ziel von TAAA Tadao Ando Architect and Associates, dem Pariser Studio NeM / Niney et Marca Architectes und den beiden Restauratoren Pierre-Antoine Gatier und Setec Bâtiment war es, einen subtilen Dialog zwischen Neuem und Altem zu erschaffen, der sich in den Bestand einfügt, um diesem „ein neues Leben einzuhauchen“. Ando versteht dabei „Architektur als Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.“

Der Sichtbeton-Zylinder ergänzt mit einem Durchmesser von 29 Metern den Raum unterhalb der historischen Glaskuppel und dem Decken-Fresko aus dem 19. Jahrhundert, für das Künstler ein Panorama des Handels gemalt haben. Die fünf Meter breite Fuge zwischen der Betonwand und Bestand bildet die sogenannte „Passage“. Als vertikales Element verbindet der Zylinder das zweite Untergeschoss bis zur dritten Ebene und findet einen Abschluss als offene Rundgang-Plattform in neun Metern Höhe, die den Besuchern ermöglicht, die denkmalgeschützte Deckenmalerei aus der Nähe zu betrachten und in ihren Einzelheiten zu entdecken. Die formale Reduktion auf einfache Geometrien wie Quader, Zylinder und Kreise findet ihren Ursprung in der Frühmoderne. Tadao Andos Vorliebe für den Baustoff Beton geht auf das Werk von Le Corbusier zurück, den der japanische Architekt von Beginn an verehrt. Insofern verbindet der zentralsymmetrische Zylindereinbau nicht nur innerhalb der Rotunde die oberen mit den unteren Etagen sowie zeitlich betrachtet das Gestern, heute und morgen, sondern verknüpft auch eine klassische Bauform mit dem Baustoff der Moderne. Weil der Sichtbeton in Situ als Wandelement gegossen wurde (die Konstruktion besteht aus Metallrahmen mit einem hohlen Kern), kann Andos Einbau aus dem Baudenkmal auch wieder demontiert werden. Der selbstbewusste Bestandseingriff ist also behutsamer als auf den ersten Blick anzunehmen wäre und nach den Grundprinzipien der Charta von Venedig aus dem Jahr 1964 konzipiert, der zentralen Richtlinie in der Denkmalpflege. Demnach müssen sich ersetzende Elemente „dem Ganzen harmonisch einfügen und vom Originalbestand unterscheidbar sein, damit die Restaurierung den Wert des Denkmals als Kunst und Geschichtsdokument nicht verfälscht“.

Zehn Ausstellungsräume umfasst die Bourse de Commerce – Pinault Collection sowie ein Auditorium und ein Black-Box-Studio für Videoprojektionen im Kellergeschoss. Das Foyer rund um das Auditorium soll für Performances und Installationen genutzt werden. In der dritten Etage wird die Kochkunst der französischen Star-Gastronomen Michel und Sébastian Bras im Halle aux Grains logieren. Gestaltung und Einrichtung des Restaurants stammt vom Pariser Studio NeM / Niney et Marca Architectes in Zusammenarbeit mit den Designerbrüdern Erwan und Ronan Bouroullec, die auch die Möblierung des Museums und des Außenraums übernommen haben. Und so speisen die Gäste der Bras-Meisterküche auf den schmiedeeisernen Bouroullec-Stühlen der Magis-Kollektion Officina, während ihre komfortablen Sitzgelegenheiten vor und im Pinault-Museum auf Aluminiumrohren basieren, im Außenraum ergänzt von Bronzeelementen und einer kreisförmig angelegten Granit-Pflasterung. Alles eine runde Sache also, und wenn Tadao Ando in diesem September 80 Jahre wird, sollte die Bourse de Commerce samt Restaurant längst in Betrieb sein. „Ich habe mein ganzes Leben lang versucht, ein Gebäude so zu entwerfen, dass man dorthin zurückkehren will“, betont der Baumeister gerne. Dieser Versuch ist ihm auch in Paris mehr als gelungen.

– erschienen bei www.stylepark.com

www.boursedecommerce.fr/en/

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