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Kategorie: Kunst

Radikale Reflexionen

Giò Forma hat in der arabischen Ruinenstadt Al-`Ula mit der Maraya Concert Hall eine paradoxe Illusion erschaffen: Der verspiegelte Kubus des Mailänder Studios wird in der Wüstenkulisse zu einer Bühne für Sand, Felsen und vorbeiziehende Wolken.

Maraya Concert Hall von Giò Forma für die Royal Commission of Al-Ula, Foto: Giò Forma

Die Wüste als Kontext fasziniert viele Architekten und Künstler, der Spiegel als Medium ebenso. Florian Boje, Gründungspartner von Giò Forma Architects Designers & Artists, erklärt das Konzept für die Konzerthalle Maraya als „Versuch, eine Nicht-Architektur zu bauen“: Es sollte kein eigenes Statement, sondern in erste Linie Harmonie zwischen Gebäude und Landschaft entstehen. Auch wenn die Wüste in Saudi-Arabien dazu einlade, eine Skulptur zu entwerfen, müsse man als Architekt diesem Drang widerstehen, um den Charakter der Landschaft zu erhalten, meint Boje. Baukunst wird zur Negation der Negation: eine doppelte Verneinung.

Das Projekt der Maraya Concert Hall beginnt mit einem temporären Vorläufer. 2018 hatte Giò Forma im Auftrag der Royal Commission of Al-Ula (RCU) zunächst eine Festivalinstallation in Al-`Ulas Ausgrabungsstätte Mada’in Salih gebaut, die so großen Eindruck hinterließ, dass die königliche Kommission ein Jahr später einen permanenten Veranstaltungsort errichten wollte. Mit der Idee einer kompletten Spiegelhülle entschied das Team von Giò Forma auch die zweite Ausschreibung für sich, und lieferte den Namen gleich mit. „Maraya“ ist arabisch und bedeutet Reflexion, Spiegel. Eine verspiegelte Oase für Kultur, Konzerte, Konferenzen, mit Restaurant und Bar. Der Solitär mit einer Kantenlänge von 100 Metern stört den imposanten Eindruck der Felsformationen nicht, sondern verzaubert die traumhafte Landschaft mit ihren Farbspielen von tiefburgunderrot bis fast weißlich beige – je nachdem, wie die Sonne am Himmel steht. Die Fassade löst die Kubatur auf und erweckt eine optische Täuschung, die wie eine Fata Morgana am Horizont flirrt.

Mit seiner vorislamischen Geschichte stellt Al`Ula einen Ort mit besonderer Bedeutung dar. Mada’in Salih zählt als Nekropole der Nabatäer, die vor 2.000 Jahren um die 100 Monumentalgräber in die bizarren Felsformationen aus gepresstem Sandstein gehauen haben, zum Weltkulturerbe der Unesco. Die junge Tourismusregion gleicht in ihrer Größe einem Land wie Belgien – eine „Stadt im Werden“ betont Florian Boje, der auch den Bau des Flughafens in Al`Ula betreut hat. Viel Zeit blieb nicht. Die Reisesaison geht von Dezember bis März und so wurde keine 70 Tage nach Entwurfspräsentation die Konzerthalle eröffnet. Konstruktiv besteht der Kubus aus einem Stahlgerüst, das von innen und außen verkleidet ist. Für die vorgehängten, hinterlüfteten Fassaden suchten die Architekten große Spiegelverkleidungen, die sowohl Hitze als auch Kälte und Sandstürmen standhalten können. Gemeinsam mit Guardian Glass entwickelten sie dafür ein neues Spiegel-Paneel. Alle 3.000 Elemente wurden vortemperiert, damit sie in kleine Stücke brechen. Feine Kanten offenbaren die Konturen des 26 Meter hohen Kubus. Gioforma bedachten auch Sichtachsen und Perspektiven, denn der Spiegel reflektiere zwar aus der Nähe spannend, aus der Entfernung aber weniger. Da die Fassadenelemente nicht zu 100 Prozent flach sind, ergibt die Reflexion keine simple Replik, sondern schafft eine eigene Dimension.

Innen wird der Neubau zur Höhle: Organisiert über drei Etagen, sind die Räume weitestgehend von der Außenwelt abgeschirmt. Allein der Bühnenapparat kann sich mit seiner Umwelt verbinden. Weil sich die Hinterwand über eine Länge von 50 Metern als Schiebetor öffnen lässt, verortet die Wüste als natürliche Kulisse die Konzerthalle im Raum. Während der Vorstellung kann der Sand bis in den Publikumsraum reichen, in dem 550 Zuschauer Platz finden. Dazu passt die parametrische Gestaltung der Holzelemente oberhalb der Tribüne, mit denen die Designer die geologischen Sandschichten imitieren. „Für uns ist alles Bühne, auch ein Gebäude“, sagt Florian Boje.

erschienen bei www.stylepark.com

Maraya Concert Hall von Giò Forma für die Royal Commission of Al-Ula, Foto: Giò Forma
Maraya Concert Hall von Giò Forma für die Royal Commission of Al-Ula, Foto: Giò Forma

Die Räuber

Alles begann 1991 mit Schillers Räubern und im Fall der Volksbühne wurde der Bühnenbilder nicht nur, wie so oft, zum ersten Autor einer Inszenierung, Bert Neumann gestaltete mit seinem Räuberrad DAS Wahrzeichen der 25-jährigen Castorf-Ära. Das vier Meter hohe Metallrad mit den zwei Beinen stand seit 1994 vor dem Theaterbau am Rosa-Luxemburg-Platz und zierte als Logo bis zum Intendantenwechsel sämtliche Postkarten, Streichholzschachteln und Spielzeitprogramme. Damit ist Neumanns Räuberrad ein Hybrid zwischen Kunst am Bau, Kunst im öffentlichen Raum, Theaterkunst und Marketinginstrument. Es ist das Symbol von Frank Castorfs Volksbühne im Nachwende-Berlin.

erschienen in: Marmor für alle. Zur Kunst im öffentlichen Raum, Hrsg. Jörg Johnen, Mitte/Rand Verlag, Berlin 2018

Mit der Skulptur beziehen sich Castorf und Neumann auf die mittelalterlichen „Gaunerzinken“: eine gezeichnete Geheimsprache, mit der Einbrecher seit Jahrhunderten untereinander kommunizieren. Der gekreuzte Kreis bedeutet „Vorsicht, nicht vorsprechen“ – für die Theatermacher symbolisiert das Räuberrad das Rebellische der Volksbühne. Theater sei der letzte Partisan, ist eine zentrale Aussage von Castorfs Bühne.

Geschaffen hat das Volksbühnen-Räuberrad der Metallbauer und Designer Rainer Haußmann, in dessen Atelier in Oberschöneweide es für kurze Zeit stand. Er sollte das „Denkmal“, das er 1994 zusammengeschweißt hatte, restaurieren – ursprünglich sollte das laufende Rad ja nur für ein paar Monate vor dem Portal der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz stehen. Wirklich davongelaufen, oder gerollt, ist es aber erst im Sommer 2017, als Chris Dercon seinen Posten als neuer Intendant antrat. In einem dramatischen Zweiakter wurde die Metallskulptur aus ihrem Fundament gelöst und reiste mit Castorf als Trophäe zum Theaterfestival nach Avignon. Ob der Altintendant das überhaupt durfte, bleibt umstritten, die eigentumsrechtliche und urheberrechtliche Zulässigkeit des Abbaus ist ungeklärt. Das Land Berlin hatte das Kunstwerk in den Neunziger Jahren für 11.000 Euro gekauft, ein denkmalrechtlicher Schutz besteht nicht. Glaubt man den Tageszeitungen und der Berliner Senatsverwaltung, könnte es ein gutes Ende geben. Nach der Sanierung soll das Rad am selben Standort vor der Volksbühne wiedererrichtet werden, „insofern sich die drei Parteien nicht auf einen anderen, würdigen Standort einigen“, heißt es in einer Pressemitteilung des Berliner Senats zu Einigung zur Zukunft des Räuberrad vom 28. Juni 2017. Die drei Parteien sind Frank Castorf, sein Nachfolger Chris Dercon und die Erben des 2015 verstorbenen Bühnenbildners und Künstlers Bert Neumann. Womit man von Schiller zu Lessing wechselt, denkt man an die Ringparabel, die auf wenige Worte reduziert, den Streit zwischen drei Brüdern (oder drei Religionen) thematisierte. Mit dem Unterschied, dass es das Räuberrad des verstorbenen Bert Neumann nur einmal gibt.

Räuberrad, 1994–2017
Rosa-Luxemburg Platz / Linienstraße 227, 10178 Berlin, Künstler: Bert Neumann, Rainer Haußmann, Metall,4 Meter hoch

www.mitte-rand.de

When Attitudes Become Form: Über die Rekonstruktion einer Ausstellung

Das Prinzip Wanderausstellung ist ein bewährter Austausch zwischen einzelnen Kulturinstitutionen. Aber lässt sich eine Kunstausstellung nach 44 Jahren rekonstruieren und noch einmal zeigen? Germano Celant, Thomas Demand und Rem Koolhaas haben es versucht.

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Mehr unter www.baunetz.de/woche

und auf Englisch unter: www.uncubemagazine.com

Venedig: Drei Tage Kunstbiennale

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Alle Artikel unter: www.baunetz.de/Kunstbiennale_Venedig_2013

Henry van de Velde

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(erschienen am 19. April 2013 im BauNetz)

DRUOT LACATON VASSAL

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Ich frage mich nicht, wie die Zukunft sein wird. Warum zwanzig Jahre weiter denken? Die Zukunft ist jetzt! Ich denke, gerade ist es für Architekten sehr wichtig, über Wirtschaftlichkeit nachzudenken. Wie produziere ich mehr für weniger? Mehr Raum zu generieren – viele Menschen leben in engsten Verhältnissen – ist aber keine Frage des Budgets! Wir müssen umdenken.“

Ein Gespräch mit Anne Lacaton im BauNetz

>>> Noch bis zum 31. März 2013: Ausstellung zum Projekt Tour Bois le Prêtre im DAZ in Berlin

www.lacatonvassal.com

Alvar Aalto in Wolfsburg

Einen neuen Zugang zum Gebäude hat man sich für das Alvar-Aalto-Kulturhaus in Wolfsburg gewünscht – und ihn auch bekommen. Die Architekten von raumlabor nahmen die Aufgabe beim Wort und haben eine temporäre Treppe installiert, die auf das Dach des Kulturzentrums führt – ähnlich wie Alvar Aalto es selbst einmal geplant hatte. „Shortcut“ ist aber nicht nur eine Abkürzung übers Dach, sondern beinhaltet auch ein Sommercafé auf der Dachterrasse des Kulturhauses. Wolfsburg feiert 2012 seine drei Aalto-Bauten, von denen zwei in diesem Jahr ihr 50-jähriges Jubiläum haben: Es ist „Aalto-Festivaali“ in der niedersächsischen Autostadt. Die BAUNETZWOCHE auf den Spuren des finnischen Architekten in Wolfsburg.

www.baunetz.de/baunetzwoche



documenta: Pavillons im Park

Fotos: Jeanette Kunsmann, Kassel Juni 2012

Ai Weiwei: Never Sorry

Es gibt Katzen, die Türen öffnen. Sie lauern direkt vor der geschlossenen Tür, fixieren die Klinke, springen kurz wie ein Artist in die Höhe, und innerhalb von Sekunden ist die Tür auf und der Weg frei. Allein im Pekinger Atelier von Ai Weiwei leben über
40 Katzen, nur eine von ihnen kann jedoch Türen öffnen. „Der größte Unterschied zwischen Menschen und Katzen ist, dass Katzen zwar Türen öffnen, sie aber nicht schließen können“, philosophiert der chinesische Künstler und lächelt in die Kamera. Er spricht gerne in Metaphern. Die Tür, die Ai Weiwei aufgestoßen hat, wird sich vermutlich nie wieder schließen lassen.

 

Sou Fujimoto: Futurospektive Architektur