Nest mit Hügel

Mit dem Shiroiya Hotel gelingt Sou Fujimoto Architects ein spannungsvolles Duett aus Neu- und Umbau, Design, Architektur und Kunst. Michele de Lucchi, Jasper Morrison, Leandro Erlich und Sou Fujimoto haben je ein Zimmer gestaltet.

Shiroiya Hotel von Sou Fujimoto Architects, Foto: Shinya Kigure

In Maebashi, der Hauptstadt der Gunma Präfektur in der Kantō-Ebene, zwei Stunden Autofahrt nördlich von Tokio, wurde gerade ein extravagantes Ensemble fertiggestellt: das Shiroiya Hotel von Sou Fujimoto Architects. Bereits 2005 hat das Architekturbüro mit Sitz in Tokio und Paris hier ein kleines privates Wohnhaus errichtet, das „T House“. Die Planungen für den Umbau eines Hotels aus den Siebziger Jahren starten 2014. Eine Art Hybrid aus Hotel, Museum und öffentlichem Wohnzimmer soll entstehen, eine Lounge für die gesamte Nachbarschaft und Reisende aus aller Welt. Der Eigentümer, der selbst aus Maebashi stammt, möchte so seinen Heimatsort unterstützen und die dortige Stadtentwicklung positiv fördern. Waren zu Beginn nur Sanierungs- und Umbaumaßnahmen geplant, änderte sich die Situation, als das benachbarte Grundstück zum Verkauf stand. Fujimoto bekommt die Möglichkeit, den Hotelbestand im Inneren radikal zu öffnen und durch einen Neubau zu ergänzen. Analog zur Flussuferlandschaft der Region schlägt er einen modellierten und bewachsenen Hügel vor, aus dem weiße Minihäuser herauswachsen. So entsteht ein spannungsvolles Duett aus dem sogenannten „Heritage Tower“ im Hauptbau mit der gemeinschaftlichen Lobby im neuen Atrium, dem Restaurant und 17 Hotelzimmern sowie dem „Green Tower“, der weitere acht Zimmer und die Sauna-Hütten in seinem artifiziellen Hügel aufnimmt. Architektur ist für Sou Fujimoto Landschaft und Wald, Höhle und Nest.

Anders als in Kisho Kurokawas Nakagin Capsule Tower, in dem eine Wohnkapsel der anderen gleicht, unterscheiden sich im Shiroiya Hotel alle 25 Zimmer in ihrer Größe und Gestaltung. Der Bestandsbau, der ursprünglich einmal 75 Hotelzimmer bot, wurde großzügig entkernt und auf 17 Einheiten reduziert. Für vier Hotelzimmer haben die eingeladenen Architekten und Designer eine Carte Blanche erhalten: Michele de Lucchi, Jasper Morrison, Leandro Erlich und Sou Fujimoto konnten jeweils ein Zimmer frei gestalten. Das Ergebnis sind vier innenarchitektonische Einzelstücke. Der britische Designer Jasper Morrison hat so seinen Raum in eine Holzkiste verwandelt, vom Boden bis zur Decke: Alle Oberflächen sind mit einer Holzvertäfelung verkleidet. Schließt der Gast die Fensterläden, eröffnet sich der Eindruck in einer überdimensionierten Exportkiste für den Kunsttransport zu stehen. Laut Morrison soll der Reisende selbst zum „kostbaren Inhalt“ des Zimmers werden. Auch sein italienischer Kollege Michele de Lucchi wählt Holz als Basismaterial. Der „2725 Elements Room“ zeigt ebenso viele dunkle Schindeln, die in ihrer Gesamtwirkung vermögen eine Lücke zu schließen zwischen Skulptur und Innenarchitektur. Der argentinische Konzeptkünstler Leandro Erlich hingegen arbeitet mit einer detaillierten Struktur aus in sich verschlungenen Metallrohren. Erlich beschreibt seine Installation als „dynamic excavation that highlights the power of empty space and air“. Mit einem Verweis auf die unsichtbaren Städte von Italo Calvino will er das sichtbar werden lassen, was in einem Gebäude sonst unsichtbar bleibt. Seine leuchtende Röhrengebilde „Lighting Pipes“ bespielen auch das Atrium der Lobby.

Neben der internationalen Designer-Riege wurden für die übrigen 21 Zimmer jeweils einheimische Künstler mit kleineren Werken beauftragt, was das gesamte Haus zu einer bewohnbaren Kunstausstellung werden lässt. Die Fassade des viergeschossigen Bestandsgebäudes bespielt zudem ein Schriftzugschablone von Lawrence Weiner. Bei der Eröffnung des Shiroiya Hotel in Maebashi am 12. Dezember 2020 konnten viele der beteiligten Architekten, Designer und Künstler nicht persönlich anwesend sein – die Einreise nach Japan ist seit Ende März pandemiebedingt nicht möglich. Gleichzeitig verknüpft das Hügel-Hotel die Pre-Corona-Zeit von 2014 mit einer Zukunft, in der vieles ähnlich und doch alles anders sein wird. Sou Fujimoto geht es stets darum, „einen Ort zu entwerfen, der den Menschen viele Möglichkeiten gibt, sich zu versammeln“. Solche Orte brauchen wir bald wieder. (Jeanette Kunsmann)

erschienen bei www.stylepark.com

Shiroiya Hotel
2-2-15 Honmachi, Maebashi, Gunma
371-0023 Japan
www.shiroiya.com

Shiroiya Hotel von Sou Fujimoto Architects, Foto: Katsumasa Tanaka
Shiroiya Hotel von Sou Fujimoto Architects, Foto: Katsumasa Tanaka
Foto: Katsumasa Tanaka

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