Mikrokosmos in Tokio

von jtkn

Das schwedische Studio Claesson Koivisto Rune kombiniert für das Boutiquehotel K5 Tokyo in einem ehemaligen Bankgebäude in Nihonbashi-Kabutocho Stadt und Natur. Und schafft so einen Mikrokosmos der Mehrdeutigkeiten.

K5 Tokyo, Claesson Koivisto Rune Architects, Foto: Yikin Hyo

Als die Stockholmer Architekten und Designer Mårten Claesson, Eero Koivisto und Ola Rune in den Neunzigern zum ersten Mal Japan besuchen, wird das Land für sie zu einem imperativen Sehnsuchtsort. Seitdem reisen sie jedes Jahr nach Nippon. Im östlichen Zentrum von Tokio, mitten im Bankenviertel Nihonbashi-Kabutocho neben dem Sitz der Börse haben Claesson Koivisto Rune Architects zusammen mit dem japanischen Architekten Kotaro Anzai gerade die einstige Dai-ichi-Bank in einen aufregend-unaufgeregten Hotel-Hybrid umgebaut. 1923, gleich nach dem verheerenden Kantō-Erdbeben errichtet, konnte der massive Betonbau dem Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs standhalten. Nachdem Japans erste unabhängige Bank ausgezogen war, benannte der vorige Eigentümer das neoklassizistische Bauwerk in „Kashiwacho No. 5 Peace Building“ um, worauf sich auch sein aktueller Name K5 Tokyo bezieht.

Im Gegensatz zu den Megastrukturen der japanischen Metabolisten versteht sich das viergeschossige Haus als kreativer Mikrokosmos: Es ist weit mehr als ein Hotel. Eine Schlüsselrolle spielt dabei der japanische Ausdruck Aimai, der für das Verständnis steht, dass Dinge mehrere Ebenen und Bedeutungen haben können. Alles kann sich verändern, verwandeln, umwandeln. Im K5 Tokyo überlagern sich verschiedene Funktionen: Bibliothek und Cocktail-Bar, Café und Lounge, Weinbar und Restaurant. Sogar die hellen Hotelflure haben mit ihren vielen Sitzbänken und Zimmerpflanzen echte Aufenthaltsqualität. „Tokio ist eine sehr komplexe Stadt“, erklärt Rune. Größte Herausforderung sei vor allem die direkte Lage neben der dreifach übereinandergestapelten Stadtautobahn gewesen. Die Stockholmer Architekten verlegten die innenliegenden Korridore auf allen fünf Etagen parallel zum Highway, während sich die Zimmer zur anderen Seite orientieren und verwandelten so diesen unglücklichen Umstand in etwas Positives.

Analog zur japanischen Tradition, den Futon abends auf Matten aus Reisstroh, den Tatami, mittig im Raum auszurollen, platzieren die Architekten in jedem der 20 Zimmer das Bett ebenfalls im Zentrum. Darüber schwebt die typisch japanische Papierleuchte. Ein leichter, indigo-blau schimmernder Vorhang bildet hier einen temporären runden Raum im Raum: Er ver- oder enthüllt das freistehende Bett, das so zu einer Oase der Ruhe werden kann. Und auch der maßangefertigte Schreibtisch in der raumhohen Regalwand aus Zedernholz kann sich in dieser Vorhanginsel verstecken. Es sei eine funktionale, aber auch sehr romantische Geste, die den privaten Charakter der Räume betonen soll, meint Ola Rune. Und fügt an: „Wir wollten den Gästen etwas Außergewöhnliches bieten.“ Alle weiteren Möbel sind wie Satelliten ums Bett platziert. Jede Innenwand ist ebenfalls mit warmem Zedernholz verkleidet, die Eingangstüren haben Kupferoberflächen. Die Materialwahl ist einfach, aber nicht gewöhnlich.

Dem 100 Jahre alten Bestand begegnen Claesson Koivisto Rune Architects respektvoll. Sie behalten ursprüngliche Merkmale bei, lassen den alten Beton an vielen Stellen unverkleidet, der historische Parkettboden wird restauriert. Bei dem Übergang von Flur und Zimmer greift das schwedische Trio eine andere japanische Tradition auf. Da nach der Idee des Zwischenraums in Japan keine klare Abgrenzung zwischen Innen und Außen existiert, bilden die Zementfliesen in diesem Bereich jeweils ein individuelles Muster, das sich vom Korridor im Eingang des Hotelzimmers und im Badbereich mit der offenen Dusche fortsetzt. 

Mit durchschnittlich 40 Quadratmetern sind die Hotelzimmer wesentlicher geräumiger als für Japan üblich – auch verglichen mit dem europäischen Standard. Sie nehmen die zweite, dritte und vierte Etage ein, während sich im ersten Obergeschoss neben Rezeption und Restaurant weitere öffentliche Orte sowie Geschäfte befinden. Das Erdgeschoss bespielt die Bierhalle Brooklyn Brewery und die Cocktailbar Ao. In allen Bereichen fokussieren sich Claesson Koivisto Rune auf das Wesentliche. Einen Großteil der Möblierung haben sie deshalb speziell für dieses Projekt gestaltet, darunter die Bartresen für alle Gastronomie-Bereiche, die Marrakech Design-Bodenfliesen in den Fluren, die Kasthall-Teppiche in den Zimmern sowie alle Möbeleinbauten. Dazu addiert finden sich Klassiker aus Holz wie der T-Chair von Jasper Morrison für Maruni. Und weil Tokio eine Fahrradstadt ist, darf auch das passende Rad nicht fehlen: Im K5 warten auf die Gäste wendige Tokyo Bikes, die ebenfalls von Ola Rune, Eero Koivisto und Mårten Claesson entworfen wurden. Der Mikrokosmos wird zu einem Gesamtkunstwerk auf allen Ebenen, das lebendig zwischen japanischen Traditionen und schwedischem Minimalismus vermittelt. „Entscheidend sind am Ende die Menschen, die das Haus betreiben“, betont Rune. Hospitality sei eben nicht nur ein gutes Konzept, Interior und Design, sondern vor allem: Gastfreundschaft.

erschienen bei www.stylepark.com

k5-tokyo.com
www.claessonkoivistorune.se

K5 Tokyo, Claesson Koivisto Rune Architects, Foto: Yikin Hyo
K5 Tokyo, Claesson Koivisto Rune Architects, Foto: Yikin Hyo