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Monat: Oktober, 2010

Kommando Schere!

(Collagen: Jeanette Colette, Oktober 2010)
www.flickr.com/photos/jeanette_k/

„Äh… was machst du da eigentlich?”

 

Zeichnung des schottischen Künstlers David Shrigley aus dem Buch „Äh … was machst du da eigentlich?: The Essential David Shrigley“, erschienen im Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2010

Gestern: Café d’amour

Gestern ein Café d’amour alleine zu Hause.
Danach kurz Sonne auf dem Balkon.
Boden gewienert, geschrubbt und poliert.

Dazu folgende Nachrichten aus dem Radio:
Hello: F. Steinmeier ist zurück.
Schade: Paul ist tot.
Protestzug: Stuttgart war heute zu Besuch in Berlin.
Achtung: Der Personalausweis wird ab nächsten Montag elektronisch. Und teurer.

Was macht eigentlich Jörg Kachelmann?

Die Blume des Jahres

Ai Weiwei in der Tate Modern

Es klirrt und klimpert: Aus über 100 Millionen Porzellan-Sonnenblumenkerne besteht die graue, zehn Zentimeter hohe Fläche auf dem Boden der gewaltigen Turbinenhalle. „Sunflower Seeds”  heißt die neue Installation der Unilever-Serie in der Tate Modern, die heute eröffnet worden ist. Das Kunstwerk stammt – zufällig zum Drama des aktuellen Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo passend – von dem chinesischen Künstler und Regimekritiker Ai Weiwei.

Eine aufwendige Arbeit, denn jeder der Sonnenblumenkerne wurden einzeln gebrannt, handbemalt und erneut gebrannt. Zwei Jahre lang haben über 600 Kunstarbeiter in der chinesischen Porzellan-Stadt Jingdezhen an dem Kunstwerk gearbeitet.

Sonnenblumenkerne sind für viele Chinesen eines der wichtigsten Nahrungsmittel. Zugleich verkörpern die Kerne das chinesische Volk, ist doch ein jeder als Sonnenblume treu und ergeben im Licht der Sonne Maos gewachsen. Die Produktion der künstlichen Kerne ist ein symbolischer Akt. Jede der individuell geformten Porzellanhülsen soll das Potential des individuellen Ausdrucks in der grauen Masse unterstreichen. Jeden Abend muss das durch die Besucher zerwühlte Feld wieder geharkt und in Form gebracht werden, die Spuren der Besucher beseitigt werden. Ähnlich wie das chinesische Regime Spuren im Internet sperrt oder löscht.

Auch der Blog von Ai Weiwei ist gerade nicht verfügbar. „Der freie Geist ist unbezahlbar, er ist eine der Voraussetzungen für das Glück eines Menschen“ lautete ein Kommentar des Künstlers zur Situation der Internetfreiheit in China. Die 150 Tonnen Porzellan sollen übrigens am Ende der Ausstellung zurück nach China transportiert werden.

(Alle Fotos: David Levene)

Die Installation ist noch bis zum 2. Mai 2011 zu sehen.

www.tate.org.uk/modern

Gefunden

Es gibt vielleicht doch  einen achten Harry Potter Band.

Ein Kunstherz ist nur vier Zentimeter lang.

Jonathan Franzen wurde in London bei einer Lesung die Brille von der Nase gestohlen.

Den Koran gibt es in blau für Jungs, in rosa für Mädchen.

Alle wissen, wer den diesjährigen Friedensnobelpreis bekommen hat, nur der Preisträger selbst nicht. Liu Xiaobo sitzt im Gefängnis.

Die drei Karpfen dürfen für die Woyzeck-Inszenierung am Theater Konstanz auf die Bühne. Der Einsatz der Tiere sei keine gewerbsmäßige Zurschaustellung. Aha!

Island wird 2011 das Gastland auf der Frankfurter Buchmesse sein.

Es gibt nur einen Mesut Özil.

Der Bücherherbst 2010

Es ist Buchmesse in Frankfurt – eine gute Gelegenheit für uns, wärmste Empfehlungen für den Bücherherbst zu geben. Es geht um Rasterbilder, die Kunstinsel Naoshima und die spanische Museumslandschaft, außerdem die facettenreiche Geschichte der Fertighäuser, neue Bildbände von Iwan Baan und Walter Niedermayr, aber auch einen Film über die unerträgliche Leichtigkeit des Architektendaseins.

Download der Baunetzwoche#194 „Der Bücherherbst 2010”

(erschienen im BauNetz am 8. Oktober 2010)

Intelligenz ist eine moralische Kategorie

Intelligenz ist eine moralische Kategorie,
und die Moral nur ein Nebenprodukt der Evolution.

Wir sollten die Regel zur Ausnahme erklären, und die Ausnahme zur Regel! Dabei darf das Verhältnis nie ausgewogen sein,
sondern umgekehrt.

Solidarität lässt sich nicht formulieren, sondern leben. Es heißt, die Liebe will nichts von dem anderen, sie will alles für den anderen.

Wir registrieren mit großer Bestürzung einen partiellen Verfall der Gesellschaft und stricken für den Weltfrieden. Handschuhe.

Do not lean on the door

Park51

Schon länger tobt in den USA ein Streit über den Bau der so genannten „Ground Zero Moschee“ – nun wurden kürzlich genauere Pläne für den umstrittenen Neubau vorgestellt. Ende September  veröffentlichte das mit der Realisierung beauftragte Büro SOMA Architects die ersten Visualisierungen für das islamische Zentrum, und siehe da: das Islam-Zentrum Park51 sieht aus wie eins der typischen neuen Büro-Hochhaus mit hochmodernem Netzstruktur-Fassaden-Schick.

Die weiße Netzstruktur erstreckt sich wie Bienenwaben über 13 Etagen in die Höhe und soll laut den Plänen der islamischen Gemeinde „Spuren von Tradition“ mit modernen Materialien und viel Glas verbinden. Natürlich wird der Bau bei so einer Größe mehr als nur eine „Moschee“ beinhalten: Neben einem Gebetsraum für bis zu 2.000 Gläubige sind auch ein Theater für 500 Zuschauer und sogar ein Schwimmbad geplant.

In den oberen Geschossen sollen Besucher aller Religionen Kunstausstellungen besuchen können, sich zur Meditation oder zum Gebet zurückziehen. Mehrere Konferenzräume laden zu Programmen ein, die den Dialog zwischen Christen, Muslimen, Juden und Vertretern weiterer Religionen fördern sollen, heißt es in der offiziellen Presseerklärung. Auch ein Basketballplatz, eine Bücherei, eine Kochschule, ein Fitnesscenter und eine Gedenkstätte für die Opfer des 11. September sind geplant. Rund 140 Millionen Dollar soll der Neubau kosten, der nun nur zwei Blocks von New Yorks „Ground Zero“ gebaut werden soll.

Wir finden jedoch vor allem die vielen Rolltreppen kurios, die eher an die Typologie Kaufhaus als an ein Islamisches Kulturzentrum erinnern. Planen die Architekten hier also ein Hochhaus wie jedes andere, das sich geschickt in die Stadtstruktur einnistet? Soll diese bewusste Kommerzialisierung neuer Sakralbauten also fremde Religionen in der westlichen Welt salonfähig machen? Könnte sein. Doch Gegenfrage: Wie werden dann Kirchen und Synagogen aussehen, wenn sie vielleicht eines Tages in muslimischen Ländern gebaut werden dürfen? So oder so: eine Debatte, die durchaus wichtig ist – könnte sie am Ende auch Anfang einer Versöhnung sein.


(veröffentlicht in den BauNetz-Meldungen am 4. Oktober 2010)