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Kategorie: Tipps

Paris in Berlin

Wie stellt man Architektur aus? Diese Frage beschäftigt Kuratoren stets auf Neue bei Ausstellungen in Museen, Galerien und Biennalen. Im Gegensatz zur Kunst lässt sich im Architekturbereich das eigentliche Exponat nur schwer ausstellen, lediglich dokumentieren; einzige Ausnahme bilden vielleicht die Pavillonbauten der Weltausstellungen.

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erschienen in ARCH+ 211/212: Think Global, Build Social!

Junya Ishigami

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Er liebt Radiohead, erinnert mit seinem schwarzen, eng geschnittenen Jacket und dem extravaganten Kragen irgendwie an den King of Pop und schafft mit seinen weißen Modellen abstrakte Gedankengebäude. Junya Ishigami zählt zu denjenigen, die niemals erwachsen werden – dennoch dürfte er Architekturgeschichte schreiben. Auf seiner ewigen Suche nach einer neuen Realität bewegt sich der Japaner dabei außerhalb der Grenzen des Möglichen: Es sind Systeme ohne Hierarchie, leichte Tragstrukturen, die fast verschwinden, und Gebäude, die kein Innen und Außen haben. Ein Tisch ist für ihn ebenso Architektur wie ein Haus oder eine Brücke; grundlegend für seine Arbeiten ist der Bezug zwischen Architektur und Natur. „Für mich als Japaner sind natürliche Elemente immer auch artifiziell“, erklärt der 39-jährige, der 2010 auf der Biennale in Venedig mit dem Goldenen Löwen geehrt wurde. „Es gibt keine echte Natur – selbst Wälder und Landschaften sind künstlich angelegt.“ Seine Lieblingspflanze ist Klee.

Im Antwerpener Kunstcampus deSingel ist gerade die Ausstellung „How Small? How Vast? How Architecture Grows“ zu sehen, die zum ersten Mal das Gesamtwerk von Ishigami nach Europa holt. 58 Projekte sind auf den schmalen Holzbrettchen, die weder Tisch noch Bank sind, drapiert. Modelle, Miniaturen, Zeichnungen und Aquarelle – Ishigami hat all seine Ideen und Entwürfe ordentlich aufgereiht und wie in einem Labor perfekt und steril inszeniert. Die Ausstellung selbst ist ein Kunstwerk: Die Modelle sind keine typischen Architekturmodelle, es sind geklebte und gefaltete Papierwälder und -landschaften, gebastelte Pflanzen, Wolkenstudien, Puppenstuben und Wohnhäuser, die ähnlich wie ein Bühnenbild gebaut sind und in dem schwarze Papierfiguren Szenen nachspielen, die ein wenig Aktion in die schönen Modelle bringen. Auf den acht schwebenden, sehr langen Tischen ist alles so leicht und fragil, dass man aus Angst, man könnte husten oder niesen, am liebsten die Luft anhalten möchte.

„Ich möchte das Innere eines Gebäudes so entwerfen, dass es sich wie ein Außenraum anfühlt“, sagt das japanische Wunderkind, das bis 2004 bei SANAA gearbeitet hat. Die extrem schmal dimensionierten Wände, Stützen und Decken entwickelt Ishigami zusammen mit dem Ingenieur Jun Sato. Bei seinem Debüt, dem Kanagawa Institute of Technology KAIT Workshop bei Tokio, sorgte er 2008 mit 63–90 Millimeter dünnen Stützen und einem unregelmäßigen Raster für Aufmerksamkeit. Ein fünf Meter hoher Stützenwald ermöglicht eine Auflösung jeglicher Wände – es entsteht ein Außen- im Innenraum, ein schwebendes Klassenzimmer. Die zehn Meter lange Tischplatte, die Junya Ishigami 2005 in einer Gallerie in Tokio installierte, wurde mit einem Querschnitt von nur 3 mm fast unsichtbar – ein Spiel aus Illusion und Wirklichkeit. „Ich möchte, dass die Konstruktion ein Rätsel wird“, erklärt Ishigami.

Auf Zehenspitzen schleichen die Besucher durch die Ausstellung. Am Ende der Retrospektive wartet in einem zweiten Raum ein runder Abschluss: Die Installation „Little Gardens“ zeigt eine Sammlung von winzigen Miniatur-Blumen, die wie Süßigkeiten wirken. Der runde weiße Tisch mit den drei dünnen Beinen scheint wie alles andere in der Ausstellung ebenfalls zu schweben – bei Junya Ishigami ist die Schwerkraft eben besonders gering.  „Everything is always changing everytime“, flüstert der japanische Architekt als Antwort auf die Frage, was für ihn Nachhaltigkeit ist; eine Zeile, die auch Thom Yorke singen könnte. „We always want to try change situations before they change.“ Man kann viel von ihm lernen. (Jeanette Kunsmann)

erschienen in der Baunetzwoche#308 Junya Ishigami

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Die Austtellung Junya Ishigami. How Small? How Vast? How Architecture Grows ist noch bis zum 16. Juni 2013 im deSingel Internationale Kunstcampus, Desguinlei 25, B-2018 Antwerpen zu sehen.

www.desingel.be

Architekturbiennale in Venedig

Alle Artikel zur Biennale unter: www.baunetz.de/biennale/2012

AI WEIWEI

 

54. BIENNALE ARTE im BauNetz

kleineLESESTUNDE

Am Mittwoch Abend im Hotel:
„Eine von vielen Möglichkeiten, dem Tiger ins Auge zu sehen“
Die Kurzgeschichten von Bernd Lichtenberg
gelesen von Florian Kleine & Daniel Sellier

DasHotel

Schmeiß dein Ego weg!

Es ist ein wenig irritierend. Wo ist die Bühne? Was soll diese Wand? Der Saal der Volksbühne ist zum klaustrophoben, geschlossenen Gefängnis umgebaut. René Pollesch stellt mit seiner Inszenierung „Schmeiß dein Ego weg!“ das Theater auf den Kopf. Er hat die „Vierte Wand“, die Wand, die es nur in der Vorstellung der Schauspieler gibt, damit die Darsteller so tun, als gäbe es kein Publikum, wirklich gebaut. Schließlich sei es eine altmodische Ansicht, dass man die Schauspieler im Theater auch sehen müsse.

Doktor Jaques Duval ist in der Zukunft gelandet. Er war zweihundert Jahre lang schock gefroren und wird nun mit einer Realität konfrontiert, die für ihn ungewohnter nicht sein könnte. Da ist diese Wand zwischen Zuschauerraum und Bühne. An der läuft Duval in seiner Uniform aus dem 19. Jahrhundert dann auch den ganzen Abend auf und ab. An zwei Stellen ist diese Wand durchgebrochen und der Zuschauer erhält neben der Projektion über der Bühne, einen Einblick auf das Geschehen – er wird zum Voyeur. Erinnert ein wenig an „Versteckte Kamera“.

Inhaltlich dreht sich das Stück wie auch das Bühnenbild um innen und außen. Um innere und äußere Werte. Das Verborgene und das Sichtbare. Um Körper und Seele. Bei einem Geldschein sehe man auch zuerst seinen inneren Wert, die Zahl, und dann erst den äußeren, das Papier. Innen ist also gleich außen. „Die Seele ist eine Außenbeziehung des Körpers mit sich selbst.“ Um das Ego fassen zu können, müsse man nicht in der Innerlichkeit, in den Tiefen der Psyche und in den romantisierenden Erzählungen von ihr wühlen. Diese Auffassung von Individualität sollte getrost weggeschmissen werden.

Martin Wuttke (Doktor Jaques Duval) zappelt als verzweifelter Zwerg über die Bühne, Margit Carstensen (Frau Luna) spielt sich selbst und Christine Groß (Miss Peterson) glänzt mit einem amateurhaften Spiel und einer, hoffentlich beabsichtigten, dilettantischen Aussprache – sie hat einen S-Fehler. Der Chor, eine Gruppe junger Schauspieler in engen, weißen Ganzkörperanzügen ist mal Ausstattung, mal Show und am Ende auch Chor. Wie immer wird auch hier zwischen all den philosophischen Zitaten viel „Scheiße“ geschrieen.

Pollesch verdreht die Spielregeln des guten, alten und schönen Theaters. Eine Parodie, die zu neuen Denkmustern anregen soll mit einem der eindringlichsten Liebesgeständnisse: „Warum konnten wir uns nichts mehr sagen. Ja, ich weiß, du hast es versucht. Du hast mich mit deinem Motorroller verfolgt und wolltest mich sprechen und ich hab gewendet und woanders eingeparkt in das Nichts, in den Tod, keine Ahnung.“ Großartig! (Jeanette Kunsmann)

Schmeiß dein Ego weg!
von René Pollesch
Bühne und Kostüme: Bert Neumann
Termine: 30. Januar, 3., 6. und 20. Februar 2011 in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin-Mitte

http://www.volksbuehne-berlin.de

(erschienen in der Baunetzwoche#206 am 21. Januar 2011)

Ai Weiwei in der Tate Modern

Es klirrt und klimpert: Aus über 100 Millionen Porzellan-Sonnenblumenkerne besteht die graue, zehn Zentimeter hohe Fläche auf dem Boden der gewaltigen Turbinenhalle. „Sunflower Seeds”  heißt die neue Installation der Unilever-Serie in der Tate Modern, die heute eröffnet worden ist. Das Kunstwerk stammt – zufällig zum Drama des aktuellen Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo passend – von dem chinesischen Künstler und Regimekritiker Ai Weiwei.

Eine aufwendige Arbeit, denn jeder der Sonnenblumenkerne wurden einzeln gebrannt, handbemalt und erneut gebrannt. Zwei Jahre lang haben über 600 Kunstarbeiter in der chinesischen Porzellan-Stadt Jingdezhen an dem Kunstwerk gearbeitet.

Sonnenblumenkerne sind für viele Chinesen eines der wichtigsten Nahrungsmittel. Zugleich verkörpern die Kerne das chinesische Volk, ist doch ein jeder als Sonnenblume treu und ergeben im Licht der Sonne Maos gewachsen. Die Produktion der künstlichen Kerne ist ein symbolischer Akt. Jede der individuell geformten Porzellanhülsen soll das Potential des individuellen Ausdrucks in der grauen Masse unterstreichen. Jeden Abend muss das durch die Besucher zerwühlte Feld wieder geharkt und in Form gebracht werden, die Spuren der Besucher beseitigt werden. Ähnlich wie das chinesische Regime Spuren im Internet sperrt oder löscht.

Auch der Blog von Ai Weiwei ist gerade nicht verfügbar. „Der freie Geist ist unbezahlbar, er ist eine der Voraussetzungen für das Glück eines Menschen“ lautete ein Kommentar des Künstlers zur Situation der Internetfreiheit in China. Die 150 Tonnen Porzellan sollen übrigens am Ende der Ausstellung zurück nach China transportiert werden.

(Alle Fotos: David Levene)

Die Installation ist noch bis zum 2. Mai 2011 zu sehen.

www.tate.org.uk/modern

Island – sehen und sterben

Wer will jetzt schon nach Island? Der Sommer in Deutschland schenkt uns nur noch ein müdes Lächeln und es wäre eigentlich die perfekte Zeit, um nach Spanien, Portugal oder Süditalien zu reisen… Aber wer will schon nach Spanien?

In Island gibt es zwar aktuell nur noch vier Stunden Sonne am Tag, dafür kann man die Nordlichter am Himmel beobachten. Und schließlich hat die Vulkaninsel neben Reykjavík, Eyjafjallajökul, gutem Wodka und Lakritz mit Schokolade noch viel mehr zu bieten: flüsternde Gletscherzungen, Wasser spuckende Erdlöcher, Polarfüchse, Papageientaucher und Wale, etwa 30 weitere aktive Vulkane (deren Namen wir nicht kennen) und fast 318.000 Isländer.

In der isländischen Hauptstadt ist übrigens das neue Konzert- und Konferenzzentrum fast fertig. Die Isländer haben sich für den Neubau eine geballte Mischung internationaler Architekten und Designer auf ihre zauberhafte Insel geholt. Der Entwurf für das Harpa Reykjavik Concert Hall and Conference Center stammt von dem dänischen Büro Henning Larsen Architects (Kopenhagen), die Fassade wurde von dem Studio Olafur Eliasson (Berlin/Kopenhagen) konzipiert und die Akustik von den amerikanischen Ingenieuren Artec Consultants Inc (New York).

ai.is
studiogranda.is
http://www.pk.is
http://www.kurtogpi.is
http://www.glamakim.is
http://www.arkibullan.is

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