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Kategorie: Reise

Mikrokosmos in Tokio

Das schwedische Studio Claesson Koivisto Rune kombiniert für das Boutiquehotel K5 Tokyo in einem ehemaligen Bankgebäude in Nihonbashi-Kabutocho Stadt und Natur. Und schafft so einen Mikrokosmos der Mehrdeutigkeiten.

K5 Tokyo, Claesson Koivisto Rune Architects, Foto: Yikin Hyo

Als die Stockholmer Architekten und Designer Mårten Claesson, Eero Koivisto und Ola Rune in den Neunzigern zum ersten Mal Japan besuchen, wird das Land für sie zu einem imperativen Sehnsuchtsort. Seitdem reisen sie jedes Jahr nach Nippon. Im östlichen Zentrum von Tokio, mitten im Bankenviertel Nihonbashi-Kabutocho neben dem Sitz der Börse haben Claesson Koivisto Rune Architects zusammen mit dem japanischen Architekten Kotaro Anzai gerade die einstige Dai-ichi-Bank in einen aufregend-unaufgeregten Hotel-Hybrid umgebaut. 1923, gleich nach dem verheerenden Kantō-Erdbeben errichtet, konnte der massive Betonbau dem Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs standhalten. Nachdem Japans erste unabhängige Bank ausgezogen war, benannte der vorige Eigentümer das neoklassizistische Bauwerk in „Kashiwacho No. 5 Peace Building“ um, worauf sich auch sein aktueller Name K5 Tokyo bezieht.

Im Gegensatz zu den Megastrukturen der japanischen Metabolisten versteht sich das viergeschossige Haus als kreativer Mikrokosmos: Es ist weit mehr als ein Hotel. Eine Schlüsselrolle spielt dabei der japanische Ausdruck Aimai, der für das Verständnis steht, dass Dinge mehrere Ebenen und Bedeutungen haben können. Alles kann sich verändern, verwandeln, umwandeln. Im K5 Tokyo überlagern sich verschiedene Funktionen: Bibliothek und Cocktail-Bar, Café und Lounge, Weinbar und Restaurant. Sogar die hellen Hotelflure haben mit ihren vielen Sitzbänken und Zimmerpflanzen echte Aufenthaltsqualität. „Tokio ist eine sehr komplexe Stadt“, erklärt Rune. Größte Herausforderung sei vor allem die direkte Lage neben der dreifach übereinandergestapelten Stadtautobahn gewesen. Die Stockholmer Architekten verlegten die innenliegenden Korridore auf allen fünf Etagen parallel zum Highway, während sich die Zimmer zur anderen Seite orientieren und verwandelten so diesen unglücklichen Umstand in etwas Positives.

Analog zur japanischen Tradition, den Futon abends auf Matten aus Reisstroh, den Tatami, mittig im Raum auszurollen, platzieren die Architekten in jedem der 20 Zimmer das Bett ebenfalls im Zentrum. Darüber schwebt die typisch japanische Papierleuchte. Ein leichter, indigo-blau schimmernder Vorhang bildet hier einen temporären runden Raum im Raum: Er ver- oder enthüllt das freistehende Bett, das so zu einer Oase der Ruhe werden kann. Und auch der maßangefertigte Schreibtisch in der raumhohen Regalwand aus Zedernholz kann sich in dieser Vorhanginsel verstecken. Es sei eine funktionale, aber auch sehr romantische Geste, die den privaten Charakter der Räume betonen soll, meint Ola Rune. Und fügt an: „Wir wollten den Gästen etwas Außergewöhnliches bieten.“ Alle weiteren Möbel sind wie Satelliten ums Bett platziert. Jede Innenwand ist ebenfalls mit warmem Zedernholz verkleidet, die Eingangstüren haben Kupferoberflächen. Die Materialwahl ist einfach, aber nicht gewöhnlich.

Dem 100 Jahre alten Bestand begegnen Claesson Koivisto Rune Architects respektvoll. Sie behalten ursprüngliche Merkmale bei, lassen den alten Beton an vielen Stellen unverkleidet, der historische Parkettboden wird restauriert. Bei dem Übergang von Flur und Zimmer greift das schwedische Trio eine andere japanische Tradition auf. Da nach der Idee des Zwischenraums in Japan keine klare Abgrenzung zwischen Innen und Außen existiert, bilden die Zementfliesen in diesem Bereich jeweils ein individuelles Muster, das sich vom Korridor im Eingang des Hotelzimmers und im Badbereich mit der offenen Dusche fortsetzt. 

Mit durchschnittlich 40 Quadratmetern sind die Hotelzimmer wesentlicher geräumiger als für Japan üblich – auch verglichen mit dem europäischen Standard. Sie nehmen die zweite, dritte und vierte Etage ein, während sich im ersten Obergeschoss neben Rezeption und Restaurant weitere öffentliche Orte sowie Geschäfte befinden. Das Erdgeschoss bespielt die Bierhalle Brooklyn Brewery und die Cocktailbar Ao. In allen Bereichen fokussieren sich Claesson Koivisto Rune auf das Wesentliche. Einen Großteil der Möblierung haben sie deshalb speziell für dieses Projekt gestaltet, darunter die Bartresen für alle Gastronomie-Bereiche, die Marrakech Design-Bodenfliesen in den Fluren, die Kasthall-Teppiche in den Zimmern sowie alle Möbeleinbauten. Dazu addiert finden sich Klassiker aus Holz wie der T-Chair von Jasper Morrison für Maruni. Und weil Tokio eine Fahrradstadt ist, darf auch das passende Rad nicht fehlen: Im K5 warten auf die Gäste wendige Tokyo Bikes, die ebenfalls von Ola Rune, Eero Koivisto und Mårten Claesson entworfen wurden. Der Mikrokosmos wird zu einem Gesamtkunstwerk auf allen Ebenen, das lebendig zwischen japanischen Traditionen und schwedischem Minimalismus vermittelt. „Entscheidend sind am Ende die Menschen, die das Haus betreiben“, betont Rune. Hospitality sei eben nicht nur ein gutes Konzept, Interior und Design, sondern vor allem: Gastfreundschaft.

erschienen bei www.stylepark.com

k5-tokyo.com
www.claessonkoivistorune.se

K5 Tokyo, Claesson Koivisto Rune Architects, Foto: Yikin Hyo
K5 Tokyo, Claesson Koivisto Rune Architects, Foto: Yikin Hyo

Saubere Weine und eine ehrliche Küche: Hier ist alles Detox, nur eben mit einem Gläschen Naturwein, denn den betrachtet man als Grundnahrungsmittel.

erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung am 7. Juni 2020

Radikale Reflexionen

Giò Forma hat in der arabischen Ruinenstadt Al-`Ula mit der Maraya Concert Hall eine paradoxe Illusion erschaffen: Der verspiegelte Kubus des Mailänder Studios wird in der Wüstenkulisse zu einer Bühne für Sand, Felsen und vorbeiziehende Wolken.

Maraya Concert Hall von Giò Forma für die Royal Commission of Al-Ula, Foto: Giò Forma

Die Wüste als Kontext fasziniert viele Architekten und Künstler, der Spiegel als Medium ebenso. Florian Boje, Gründungspartner von Giò Forma Architects Designers & Artists, erklärt das Konzept für die Konzerthalle Maraya als „Versuch, eine Nicht-Architektur zu bauen“: Es sollte kein eigenes Statement, sondern in erste Linie Harmonie zwischen Gebäude und Landschaft entstehen. Auch wenn die Wüste in Saudi-Arabien dazu einlade, eine Skulptur zu entwerfen, müsse man als Architekt diesem Drang widerstehen, um den Charakter der Landschaft zu erhalten, meint Boje. Baukunst wird zur Negation der Negation: eine doppelte Verneinung.

Das Projekt der Maraya Concert Hall beginnt mit einem temporären Vorläufer. 2018 hatte Giò Forma im Auftrag der Royal Commission of Al-Ula (RCU) zunächst eine Festivalinstallation in Al-`Ulas Ausgrabungsstätte Mada’in Salih gebaut, die so großen Eindruck hinterließ, dass die königliche Kommission ein Jahr später einen permanenten Veranstaltungsort errichten wollte. Mit der Idee einer kompletten Spiegelhülle entschied das Team von Giò Forma auch die zweite Ausschreibung für sich, und lieferte den Namen gleich mit. „Maraya“ ist arabisch und bedeutet Reflexion, Spiegel. Eine verspiegelte Oase für Kultur, Konzerte, Konferenzen, mit Restaurant und Bar. Der Solitär mit einer Kantenlänge von 100 Metern stört den imposanten Eindruck der Felsformationen nicht, sondern verzaubert die traumhafte Landschaft mit ihren Farbspielen von tiefburgunderrot bis fast weißlich beige – je nachdem, wie die Sonne am Himmel steht. Die Fassade löst die Kubatur auf und erweckt eine optische Täuschung, die wie eine Fata Morgana am Horizont flirrt.

Mit seiner vorislamischen Geschichte stellt Al`Ula einen Ort mit besonderer Bedeutung dar. Mada’in Salih zählt als Nekropole der Nabatäer, die vor 2.000 Jahren um die 100 Monumentalgräber in die bizarren Felsformationen aus gepresstem Sandstein gehauen haben, zum Weltkulturerbe der Unesco. Die junge Tourismusregion gleicht in ihrer Größe einem Land wie Belgien – eine „Stadt im Werden“ betont Florian Boje, der auch den Bau des Flughafens in Al`Ula betreut hat. Viel Zeit blieb nicht. Die Reisesaison geht von Dezember bis März und so wurde keine 70 Tage nach Entwurfspräsentation die Konzerthalle eröffnet. Konstruktiv besteht der Kubus aus einem Stahlgerüst, das von innen und außen verkleidet ist. Für die vorgehängten, hinterlüfteten Fassaden suchten die Architekten große Spiegelverkleidungen, die sowohl Hitze als auch Kälte und Sandstürmen standhalten können. Gemeinsam mit Guardian Glass entwickelten sie dafür ein neues Spiegel-Paneel. Alle 3.000 Elemente wurden vortemperiert, damit sie in kleine Stücke brechen. Feine Kanten offenbaren die Konturen des 26 Meter hohen Kubus. Gioforma bedachten auch Sichtachsen und Perspektiven, denn der Spiegel reflektiere zwar aus der Nähe spannend, aus der Entfernung aber weniger. Da die Fassadenelemente nicht zu 100 Prozent flach sind, ergibt die Reflexion keine simple Replik, sondern schafft eine eigene Dimension.

Innen wird der Neubau zur Höhle: Organisiert über drei Etagen, sind die Räume weitestgehend von der Außenwelt abgeschirmt. Allein der Bühnenapparat kann sich mit seiner Umwelt verbinden. Weil sich die Hinterwand über eine Länge von 50 Metern als Schiebetor öffnen lässt, verortet die Wüste als natürliche Kulisse die Konzerthalle im Raum. Während der Vorstellung kann der Sand bis in den Publikumsraum reichen, in dem 550 Zuschauer Platz finden. Dazu passt die parametrische Gestaltung der Holzelemente oberhalb der Tribüne, mit denen die Designer die geologischen Sandschichten imitieren. „Für uns ist alles Bühne, auch ein Gebäude“, sagt Florian Boje.

erschienen bei www.stylepark.com

Maraya Concert Hall von Giò Forma für die Royal Commission of Al-Ula, Foto: Giò Forma
Maraya Concert Hall von Giò Forma für die Royal Commission of Al-Ula, Foto: Giò Forma

Silicon Hill in Kopenhagen

erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, von Stephan Burkoff & Jeanette Kunsmann


Wie ein gigantisches Tier mit dampfendem Rüssel erhebt sich dieser ungewöhnliche Bau nördlich der Kopenhagener Innenstadt. In seinem Bauch befindet sich die städtische Müllverbrennungsanlage mit integriertem Wärmekraftwerk. Und auf seinem Rücken? Drei Ski-Pisten für Anfänger und Fortgeschrittene, insgesamt 450 Meter lang. Architekt des Tieres, ist der Däne Bjarke Ingels, er ist für Überraschungen und Größenwahn bekannt. Dieses Mal kombiniert er spielerisch Nutzungen miteinander, die sich bisher ausgeschlossen haben: Müllentsorgung und Erholung. Spaß und Nachhaltigkeit…

Heimweh kennt kein Alter

Meine Schwester sitzt in L.A. am Strand und hat extrem schlechte Laune. Die Sache mit Kalifornien hat sie sich irgendwie anders vorgestellt. Als wir telefonieren, rauscht es im Hintergrund. Nicht etwa das Meer, die Autobahn: sechsspurig! Man darf für seinen Ausflugstag am Strand weder Essen noch Getränke mitbringen, Rauchen und Alkohol kann man allgemein vergessen, zum Surfen ist es noch zu kalt. Aber das ist es nicht einmal, was sie so stört. Auch nicht, dass alles das Zehnfache kostet und nicht mal die Hälfte wert ist. „Hier ist einfach alles Fake, wirklich alles“, erklärt sie entsetzt und hustet in ihr Smartphone. „Das Essen, die Häuser, die Menschen, einfach alles.“ Aber nicht nur das Essen hinterlässt einen faden Geschmack. Sie sind durch Asien und Afrika gereist, in Amerika nehmen beide über fünf Kilo ab. In zehn Tagen.

Es tut mir unendlich leid. Ich weiß, wie groß ihre Sehnsucht nach diesem Ort war. Seitdem sie 13 ist, wollte sie schon immer noch L.A. – 17 Jahre später feiert sie dort ihren 30. Geburtstag am Strand und wünscht sich lieber zurück nach Hause, nach Neapel. Heimweh. Manchmal passiert einem das. Sie hatten einfach die Entfernung unterschätzt: geografisch wie kulturell. Das kann einem überall passieren: Dann steht man also eines Tages endlich in Marrakesch, in New York, in Tel Aviv, in Florenz, in Peking, am Schwarzen Meer, in Reykjavik, in Lissabon, in Berlin an diesem entfernten Ort, nach dem man sich schon lange gesehnt hatte, und ist einfach nur enttäuscht. Natürlich, weil man sich selbst getäuscht hat. Weil man sich täuschen lassen wollte. Weil Reisen mehr als eine Postkarte ist. Weil die Phantasie eben doch besser ist, als die Wirklichkeit. Nur bräunen kann man sich in ihr noch nicht.

Die Japaner haben einen Namen dafür. Sie sprechen vom Paris-Syndrom, wenn die Erwartung eines Reisenden mit der Realität des Ziels so stark auseinanderfällt, dass sich sogar eine vorübergehende psychische Störung einstellen kann. Da man schließlich kein kleines Kind mehr ist, weint man sein Heimweh nur ganz leise ins Kopfkissen und versucht das Beste aus der Situation zu machen. Darf dann nur nicht regnen, das spült die Stimmung gleich wieder auf unter Null. Meine Schwester denkt an Mexiko. Dort war sie vorher, da war es schön. Das Essen, die Maja-Ruinen, die Menschen. „Ich weiß ehrlich nicht, was wir hier in L.A. die letzten Tage gemacht haben.“ Sie seufzt und lächelt dabei ins Display. „Ich habe ja nicht einmal ein Buch dabei!“ Immerhin kann sie noch Lachen. Und ich denke: Zum Glück reist ihr nur zu zweit, ohne Kinder: Dann wird jede Reiseenttäuschung kombiniert mit schlechtem Wetter schnell zu einer extrem kostspieligen wie nervenaufreibenden Höllentortur. So viel Uno kann man gar nicht spielen.

Fremd sein. Fremder sein. Reisen bildet. – „Und der Rückflug?“ – „Geht erst in zehn Tagen!“ Immerhin kann man sich bei solchen Reisen vielleicht zu sich selbst finden. „Europa ist einfach am Geilsten“, ruft meine Schwester noch zum Abschied ins Telefon. Dann bricht die Verbindung ab.

Drei Wochen im Jahr

940-Galerie

Wer wohnt denn hier? Seit diesem Sommer steht am Rotsee im Schweizer Kanton Luzern ein heller Holzkubus im Wasser – kein Wochenendhaus, sondern der neue Zielturm einer berühmten Regattastrecke: Seit 1903 wird am Rotsee international um die Wette gerudert. Die Zürcher Architekten Fuhrimann Hächler haben für die sommerlichen Wettkämpfe eine markante Skulptur in die Seenlandschaft gesetzt. Drei Wochen im Jahr wird hier entschieden, wer als Erstes im Ziel ist.

Gut 2,5 Kilometer lang, 250 Meter breit und durch die umgebenden Hügel windgeschützt: Der Rotsee in der Luzerner Naturlandschaft ist die ideale Regattastrecke. Jeden Sommer treffen hier für drei Wochen Teams aus aller Welt ein – die Rotsee-Regatta gilt als das „Wimbledon“ des Rudersports. Schön ist es hier. Wegen dem mit Seerosen bewachsenen Ufer wird der Ort auch Göttersee genannt.

Pünktlich für die diesjährige Regatta wurde Anfang Juli der neue Zielturm von den Zürcher Architekten und ETH-Dozenten Andreas Fuhrimann und Gabrielle Hächler mit einem ersten Rudersprint eingeweiht. Zehn Meter stapeln sich über dem Wasser drei Volumen in die Höhe – die Architekten sprechen von einem „vertikalen Akzent auf der langgestreckten Seefläche“. Dass der neue Turm für den Verein Naturarena Rotsee voluminöser ist als sein Vorgängerbau aus dem Jahr 1962, liegt an den heutigen Anforderungen. Nicht nur die Schiedsrichter und Eventregie-Speaker sitzen hier, es gibt einen Konferenzraum, ein Büro und Toiletten. 123 Quadratmeter misst der Neubau. Durch subtile „Verrückungen“, die sich aus dem geforderten Raumprogramm ergaben, erhalten die drei gestapelten Raumeinheiten eine gewisse Fragilität und Feinheit, erklären die Architekten.

Geheimniskasten auf dem Göttersee

Wenn auf dem Rotsee nicht gerudert wird, zeigt sich der Turm als verschlossene Skulptur. Der hybridartige Charakter sowie die Metamorphose, die das Gebäude jährlich durchläuft, waren für die Planer eine ungewöhnliche Herausforderung. Den Spagat zwischen einem permanenten Neubau von langer Dauer, der jedoch nicht mal einen Monat im Jahr genutzt wird, haben die Architekten über die Materialität gelöst. „Himitsu Bako“, japanisch für „Geheimniskasten“,  nennen sie ihre Holzkonstruktion, die durch die reduzierten Baumaterialien vielleicht auch als temporäre Installation verstanden werden könnte.

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Text: Jeanette Kunsmann, Foto: Valentin Jeck, Uerikon

In den Ferien zuhause

Eine italienische Architektin baut in Spanien ein Wohnhaus für eine deutsche Designerin. Klingt nach einer guten Geschichte – ein Besuch in Barcelonas Vorstadt.64189717_c05396668e

Jeder große Architekt hat einen Stuhl oder eine Lampe entworfen – jeder namhafte Designer schon mal ein Haus gebaut. Die Grenzen zwischen Kunst, Design und Architektur verschwimmen zunehmend – ob aus Mut, Größenwahn oder Langeweile.

In Sant Cugat del Vallès, einer kleinen Stadt westlich von Barcelona, hat eine Designerin für sich und ihre Familie ein Wohnhaus gebaut. Jeannette Altherr wollte ihr neues Zuhause nicht selbst entwerfen, aber sie wollte mitbestimmen – der Neubau ist zusammen mit der italienischen Architektin Enrica Mosciaro entstanden. Trotz eines ähnlichen ästhetischen Verständnisses mussten sich beide auf fremdes Terrain wagen. Die Architektin plant in Zentimetern, die Designerin denkt in Millimetern: Das Projekt ist ihr gemeinsames Baby geworden.

Ebenso wie Interior-Design nicht nur eine hübsche Ansammlung teurer Möbelklassiker ist, ist ein Haus mehr als die Summe seiner Einzelteile. Wenn es die Aufgabe des Designs ist, das Wesen der Dinge zu erforschen, welche Rolle spielt die Architektur? „Jedem Entwurf für ein privates Wohnhaus gehen lange Gesprächssitzungen voran“, erzählt Enrica Mosciaro. „Zunächst muss man als Architekt schließlich herausfinden, was jeder einzelne wirklich will und braucht und es von dem trennen, was er meint, sich wünschen zu müssen.“ Architektur wird Psychoanalyse, das Haus ein gebautes Familienportrait.


Mehr unter: www.baunetz.de

und der Hausbaus aus Sicht der Designerin auf www.designlines.de

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Venedig: Drei Tage Kunstbiennale

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Alle Artikel unter: www.baunetz.de/Kunstbiennale_Venedig_2013

Der Barcelona-Pavillon: Ausstellungsraum zwischen Wohn- & Konstruktionsmodell

Der Barcelona-Pavillon – die gefeierte Architektur des 20. Jahrhunderts, das Schlüsselprojekt der Moderne – weckte zu seiner Entstehungszeit nur geringes Interesse. Knapp sieben Monate stand er während der Weltausstellung 1929 in Barcelona – und wurde übersehen. Nur wenige verirrten sich in den modernen Glaskasten, die meisten nahmen ihn gar nicht erst wahr. Direkt nach dem Ende der Ausstellung wurde er abgebaut und seine wertvollen Baumaterialien nach Deutschland zurückgebracht. Lediglich die Fotos des Pavillons, die Mies sorgfältig ausgewählt hatte, überdauerten die Zeit. Sie machten ihn in den fünfziger Jahren – in der Folge der großen Mies-Ausstellung im MoMA 1947 – populär. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte entwickelte sich eine so große Sehnsucht, dass man den Pavillon 1986, in dem Jahr, in dem Ludwig Mies van der Rohe seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, in Barcelona rekonstruieren ließ. Die Architekturtheoretikerin Beatriz Colomina beschreibt die Schwierigkeit dieser Rekonstruktion (durch die Architekten Ignasi de Solà-Morales, Christian Circi und Fernando Ramos) vor dem Hintergrund, dass die Pläne des Gebäudes oft gar nicht mit den Fotos, die man von ihm hatte, übereinstimmen. Zudem war Mies – Barry Bergdoll zufolge – zur Bauzeit des Barcelona-Pavillons mit der Technik des Stahlbaus noch kaum vertraut, sondern eignete sich dieses Wissen erst in den USA mit Besuchen bei der Stahlindustrie an. Zu den Interpretationen im Diskurs um den Barcelona-Pavillon – als Raum, der lediglich Architektur ausstellt oder als Modellarchitektur für ein Wohnhaus (Colomina) – gesellt sich nun also auch die Frage, ob es sich hier nicht auch um ein Modell für die Konstruktionstechnik des Stahlbaus handelt. Enttäuschend: In seinem städtischen Kontext geht der Pavillon unter. Darf oder sollte man, wenn man ein so bedeutendes Gebäude rekonstruiert, sich dann nicht einen geeigneteren Standort suchen? (jtkn)

Junya Ishigami

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Er liebt Radiohead, erinnert mit seinem schwarzen, eng geschnittenen Jacket und dem extravaganten Kragen irgendwie an den King of Pop und schafft mit seinen weißen Modellen abstrakte Gedankengebäude. Junya Ishigami zählt zu denjenigen, die niemals erwachsen werden – dennoch dürfte er Architekturgeschichte schreiben. Auf seiner ewigen Suche nach einer neuen Realität bewegt sich der Japaner dabei außerhalb der Grenzen des Möglichen: Es sind Systeme ohne Hierarchie, leichte Tragstrukturen, die fast verschwinden, und Gebäude, die kein Innen und Außen haben. Ein Tisch ist für ihn ebenso Architektur wie ein Haus oder eine Brücke; grundlegend für seine Arbeiten ist der Bezug zwischen Architektur und Natur. „Für mich als Japaner sind natürliche Elemente immer auch artifiziell“, erklärt der 39-jährige, der 2010 auf der Biennale in Venedig mit dem Goldenen Löwen geehrt wurde. „Es gibt keine echte Natur – selbst Wälder und Landschaften sind künstlich angelegt.“ Seine Lieblingspflanze ist Klee.

Im Antwerpener Kunstcampus deSingel ist gerade die Ausstellung „How Small? How Vast? How Architecture Grows“ zu sehen, die zum ersten Mal das Gesamtwerk von Ishigami nach Europa holt. 58 Projekte sind auf den schmalen Holzbrettchen, die weder Tisch noch Bank sind, drapiert. Modelle, Miniaturen, Zeichnungen und Aquarelle – Ishigami hat all seine Ideen und Entwürfe ordentlich aufgereiht und wie in einem Labor perfekt und steril inszeniert. Die Ausstellung selbst ist ein Kunstwerk: Die Modelle sind keine typischen Architekturmodelle, es sind geklebte und gefaltete Papierwälder und -landschaften, gebastelte Pflanzen, Wolkenstudien, Puppenstuben und Wohnhäuser, die ähnlich wie ein Bühnenbild gebaut sind und in dem schwarze Papierfiguren Szenen nachspielen, die ein wenig Aktion in die schönen Modelle bringen. Auf den acht schwebenden, sehr langen Tischen ist alles so leicht und fragil, dass man aus Angst, man könnte husten oder niesen, am liebsten die Luft anhalten möchte.

„Ich möchte das Innere eines Gebäudes so entwerfen, dass es sich wie ein Außenraum anfühlt“, sagt das japanische Wunderkind, das bis 2004 bei SANAA gearbeitet hat. Die extrem schmal dimensionierten Wände, Stützen und Decken entwickelt Ishigami zusammen mit dem Ingenieur Jun Sato. Bei seinem Debüt, dem Kanagawa Institute of Technology KAIT Workshop bei Tokio, sorgte er 2008 mit 63–90 Millimeter dünnen Stützen und einem unregelmäßigen Raster für Aufmerksamkeit. Ein fünf Meter hoher Stützenwald ermöglicht eine Auflösung jeglicher Wände – es entsteht ein Außen- im Innenraum, ein schwebendes Klassenzimmer. Die zehn Meter lange Tischplatte, die Junya Ishigami 2005 in einer Gallerie in Tokio installierte, wurde mit einem Querschnitt von nur 3 mm fast unsichtbar – ein Spiel aus Illusion und Wirklichkeit. „Ich möchte, dass die Konstruktion ein Rätsel wird“, erklärt Ishigami.

Auf Zehenspitzen schleichen die Besucher durch die Ausstellung. Am Ende der Retrospektive wartet in einem zweiten Raum ein runder Abschluss: Die Installation „Little Gardens“ zeigt eine Sammlung von winzigen Miniatur-Blumen, die wie Süßigkeiten wirken. Der runde weiße Tisch mit den drei dünnen Beinen scheint wie alles andere in der Ausstellung ebenfalls zu schweben – bei Junya Ishigami ist die Schwerkraft eben besonders gering.  „Everything is always changing everytime“, flüstert der japanische Architekt als Antwort auf die Frage, was für ihn Nachhaltigkeit ist; eine Zeile, die auch Thom Yorke singen könnte. „We always want to try change situations before they change.“ Man kann viel von ihm lernen. (Jeanette Kunsmann)

erschienen in der Baunetzwoche#308 Junya Ishigami

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Die Austtellung Junya Ishigami. How Small? How Vast? How Architecture Grows ist noch bis zum 16. Juni 2013 im deSingel Internationale Kunstcampus, Desguinlei 25, B-2018 Antwerpen zu sehen.

www.desingel.be