jtkn

Monat: Juni, 2020

Fenster zum Innenhof

Große Visionen trotzen kleinem Budget: In London wandelt sich eine alte Molkerei zum immergrünen Wohnensemble mit Industrie-Flair und virtuosen Details

Fast hätte sie verpasst, einen Blick durch das unscheinbare Metalltor zu werfen – fast wäre sie einfach weitergegangen. Dass Beth Dadswell eines Tages während eines Spaziergangs durch East Dulwich die ehemalige viktorianische Molkerei entdeckt hat, verdankt sie ihrer ausgeprägten Spürnase für verborgene Kleinode. Das undichte Dach, der baufällige Bestand: völlig egal! Die britische Interieur-Spezialistin erkennt sofort das Potenzial des verfallenen Gebäudes. Zusammen mit ihrem Mann Andrew Wilbourne stellt sie sich vor, den jahrzehntelang vernachlässigten Innenhof in einen wild begrünten, malerischen Hofgarten umzugestalten, wie man ihn aus Paris oder Mailand kennt. Die beiden glauben an ihre Vision, verkaufen ihr Haus in West Dulwich und planen mit einem befreundeten Architekten die Umbaumaßnahmen – zwischendurch wohnen sie auf einer Baustelle. Die pure Schönheit des Ortes wird behutsam bewahrt, seine verblassten Qualitäten wiederbelebt. Der Zweckbau verwandelt sich ein wohnliches Zuhause.

Beth Dadswell und Andrew Wilbourne arbeiten vor allem mit erlesenen Materialien und kluger Lichtführung. Sie kombinieren den industriellen Charme der alten Gemäuer und Rippendecken mit zeitgemäßen Einbauten und Oberflächen, Armaturen und Beschlägen aus Messing und belgischem Kalkstein. Pudrige Töne treffen auf dunkle Akzente, während durch die raumhohen Stahlfenster viel Licht ins zuvor so düstere Innere gelangt.

Beide Etagen verfügen über eine Fußbodenheizung, wobei die neu verlegten Mikrozementböden im offenen Wohnzimmer, in Wohnküche, Büro und Gäste-Bad robuster und günstiger sind als das gealterte Eichenparkett im Obergeschoss. Unter dem Gambrel-Dach befinden sich das Schlafzimmer der Eltern, das Kinderzimmer und jeweils ein En-suite-Duschbad. Weil die Räume im Erdgeschoss übergangslos ineinanderfließen, fühlt sich das Haus größer an, als es ist. Die maßgeschneiderten Stauraumlösungen in Warmgrau ließ Beth nach Eigenentwürfen von einem Tischler ausführen, mit dem sie schon lange zusammenarbeitet. Ihr absoluter Lieblingsplatz? Der Blick vom Esstisch durch das Wohnzimmer hinaus ins Grüne. Abends verzaubert der Innenhof mit seinen vielen Lichtern besonders.

erschienen in Schöner Wohnen Magazin Juli 2020

imperfectinteriors.co.uk

Radikale Reflexionen

Giò Forma hat in der arabischen Ruinenstadt Al-`Ula mit der Maraya Concert Hall eine paradoxe Illusion erschaffen: Der verspiegelte Kubus des Mailänder Studios wird in der Wüstenkulisse zu einer Bühne für Sand, Felsen und vorbeiziehende Wolken.

Maraya Concert Hall von Giò Forma für die Royal Commission of Al-Ula, Foto: Giò Forma

Die Wüste als Kontext fasziniert viele Architekten und Künstler, der Spiegel als Medium ebenso. Florian Boje, Gründungspartner von Giò Forma Architects Designers & Artists, erklärt das Konzept für die Konzerthalle Maraya als „Versuch, eine Nicht-Architektur zu bauen“: Es sollte kein eigenes Statement, sondern in erste Linie Harmonie zwischen Gebäude und Landschaft entstehen. Auch wenn die Wüste in Saudi-Arabien dazu einlade, eine Skulptur zu entwerfen, müsse man als Architekt diesem Drang widerstehen, um den Charakter der Landschaft zu erhalten, meint Boje. Baukunst wird zur Negation der Negation: eine doppelte Verneinung.

Das Projekt der Maraya Concert Hall beginnt mit einem temporären Vorläufer. 2018 hatte Giò Forma im Auftrag der Royal Commission of Al-Ula (RCU) zunächst eine Festivalinstallation in Al-`Ulas Ausgrabungsstätte Mada’in Salih gebaut, die so großen Eindruck hinterließ, dass die königliche Kommission ein Jahr später einen permanenten Veranstaltungsort errichten wollte. Mit der Idee einer kompletten Spiegelhülle entschied das Team von Giò Forma auch die zweite Ausschreibung für sich, und lieferte den Namen gleich mit. „Maraya“ ist arabisch und bedeutet Reflexion, Spiegel. Eine verspiegelte Oase für Kultur, Konzerte, Konferenzen, mit Restaurant und Bar. Der Solitär mit einer Kantenlänge von 100 Metern stört den imposanten Eindruck der Felsformationen nicht, sondern verzaubert die traumhafte Landschaft mit ihren Farbspielen von tiefburgunderrot bis fast weißlich beige – je nachdem, wie die Sonne am Himmel steht. Die Fassade löst die Kubatur auf und erweckt eine optische Täuschung, die wie eine Fata Morgana am Horizont flirrt.

Mit seiner vorislamischen Geschichte stellt Al`Ula einen Ort mit besonderer Bedeutung dar. Mada’in Salih zählt als Nekropole der Nabatäer, die vor 2.000 Jahren um die 100 Monumentalgräber in die bizarren Felsformationen aus gepresstem Sandstein gehauen haben, zum Weltkulturerbe der Unesco. Die junge Tourismusregion gleicht in ihrer Größe einem Land wie Belgien – eine „Stadt im Werden“ betont Florian Boje, der auch den Bau des Flughafens in Al`Ula betreut hat. Viel Zeit blieb nicht. Die Reisesaison geht von Dezember bis März und so wurde keine 70 Tage nach Entwurfspräsentation die Konzerthalle eröffnet. Konstruktiv besteht der Kubus aus einem Stahlgerüst, das von innen und außen verkleidet ist. Für die vorgehängten, hinterlüfteten Fassaden suchten die Architekten große Spiegelverkleidungen, die sowohl Hitze als auch Kälte und Sandstürmen standhalten können. Gemeinsam mit Guardian Glass entwickelten sie dafür ein neues Spiegel-Paneel. Alle 3.000 Elemente wurden vortemperiert, damit sie in kleine Stücke brechen. Feine Kanten offenbaren die Konturen des 26 Meter hohen Kubus. Gioforma bedachten auch Sichtachsen und Perspektiven, denn der Spiegel reflektiere zwar aus der Nähe spannend, aus der Entfernung aber weniger. Da die Fassadenelemente nicht zu 100 Prozent flach sind, ergibt die Reflexion keine simple Replik, sondern schafft eine eigene Dimension.

Innen wird der Neubau zur Höhle: Organisiert über drei Etagen, sind die Räume weitestgehend von der Außenwelt abgeschirmt. Allein der Bühnenapparat kann sich mit seiner Umwelt verbinden. Weil sich die Hinterwand über eine Länge von 50 Metern als Schiebetor öffnen lässt, verortet die Wüste als natürliche Kulisse die Konzerthalle im Raum. Während der Vorstellung kann der Sand bis in den Publikumsraum reichen, in dem 550 Zuschauer Platz finden. Dazu passt die parametrische Gestaltung der Holzelemente oberhalb der Tribüne, mit denen die Designer die geologischen Sandschichten imitieren. „Für uns ist alles Bühne, auch ein Gebäude“, sagt Florian Boje.

erschienen bei www.stylepark.com

Maraya Concert Hall von Giò Forma für die Royal Commission of Al-Ula, Foto: Giò Forma
Maraya Concert Hall von Giò Forma für die Royal Commission of Al-Ula, Foto: Giò Forma