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Kategorie: Leute

Die Entfremdung der Dinge – Trace Space


erschienen im Baumeister Architekturmagazin, April 2020,
Spielräume: Architektur für Kinder


www.baumeister.de

Mandeville Canyon


Hier folgt die Architektur der Umgebung: Ron Radziner hat in einem Waldhang zwischen Mandeville Canyon und Santa Monica Mountains ein archaisches Haus für seine Familie gebaut, das in einem definierten Gleichgewicht mit der Natur steht. Nebenbei erinnert es an einen bewohnbaren Tempel – und ist ein Ort der Ruhe…

erschienen in HÄUSER Magazin Januar 2020

Die Räuber

Alles begann 1991 mit Schillers Räubern und im Fall der Volksbühne wurde der Bühnenbilder nicht nur, wie so oft, zum ersten Autor einer Inszenierung, Bert Neumann gestaltete mit seinem Räuberrad DAS Wahrzeichen der 25-jährigen Castorf-Ära. Das vier Meter hohe Metallrad mit den zwei Beinen stand seit 1994 vor dem Theaterbau am Rosa-Luxemburg-Platz und zierte als Logo bis zum Intendantenwechsel sämtliche Postkarten, Streichholzschachteln und Spielzeitprogramme. Damit ist Neumanns Räuberrad ein Hybrid zwischen Kunst am Bau, Kunst im öffentlichen Raum, Theaterkunst und Marketinginstrument. Es ist das Symbol von Frank Castorfs Volksbühne im Nachwende-Berlin.

erschienen in: Marmor für alle. Zur Kunst im öffentlichen Raum, Hrsg. Jörg Johnen, Mitte/Rand Verlag, Berlin 2018

Mit der Skulptur beziehen sich Castorf und Neumann auf die mittelalterlichen „Gaunerzinken“: eine gezeichnete Geheimsprache, mit der Einbrecher seit Jahrhunderten untereinander kommunizieren. Der gekreuzte Kreis bedeutet „Vorsicht, nicht vorsprechen“ – für die Theatermacher symbolisiert das Räuberrad das Rebellische der Volksbühne. Theater sei der letzte Partisan, ist eine zentrale Aussage von Castorfs Bühne.

Geschaffen hat das Volksbühnen-Räuberrad der Metallbauer und Designer Rainer Haußmann, in dessen Atelier in Oberschöneweide es für kurze Zeit stand. Er sollte das „Denkmal“, das er 1994 zusammengeschweißt hatte, restaurieren – ursprünglich sollte das laufende Rad ja nur für ein paar Monate vor dem Portal der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz stehen. Wirklich davongelaufen, oder gerollt, ist es aber erst im Sommer 2017, als Chris Dercon seinen Posten als neuer Intendant antrat. In einem dramatischen Zweiakter wurde die Metallskulptur aus ihrem Fundament gelöst und reiste mit Castorf als Trophäe zum Theaterfestival nach Avignon. Ob der Altintendant das überhaupt durfte, bleibt umstritten, die eigentumsrechtliche und urheberrechtliche Zulässigkeit des Abbaus ist ungeklärt. Das Land Berlin hatte das Kunstwerk in den Neunziger Jahren für 11.000 Euro gekauft, ein denkmalrechtlicher Schutz besteht nicht. Glaubt man den Tageszeitungen und der Berliner Senatsverwaltung, könnte es ein gutes Ende geben. Nach der Sanierung soll das Rad am selben Standort vor der Volksbühne wiedererrichtet werden, „insofern sich die drei Parteien nicht auf einen anderen, würdigen Standort einigen“, heißt es in einer Pressemitteilung des Berliner Senats zu Einigung zur Zukunft des Räuberrad vom 28. Juni 2017. Die drei Parteien sind Frank Castorf, sein Nachfolger Chris Dercon und die Erben des 2015 verstorbenen Bühnenbildners und Künstlers Bert Neumann. Womit man von Schiller zu Lessing wechselt, denkt man an die Ringparabel, die auf wenige Worte reduziert, den Streit zwischen drei Brüdern (oder drei Religionen) thematisierte. Mit dem Unterschied, dass es das Räuberrad des verstorbenen Bert Neumann nur einmal gibt.

Räuberrad, 1994–2017
Rosa-Luxemburg Platz / Linienstraße 227, 10178 Berlin, Künstler: Bert Neumann, Rainer Haußmann, Metall,4 Meter hoch

www.mitte-rand.de

Spurensuche in Beton

Eingeschlagene Fenster, zugewachsene Fassaden, Wasserschäden, Graffiti und weitere Souvenirs des jahrelangen Leerstands begrüßten die Architekten und Bauherren bei ihrem ersten Besuch. Ein trügerisches Bild. „Die Substanz war in einem ein- wandfreien Zustand, wie ein Gutachter feststellen konnte“, erzählt Sandra Scheffl, die zusammen mit Xaver Egger für Entwurf und Planung verantwortlich zeichnet. Auch wenn die Bauherren kurz über einen Abriss nachdachten, entschieden sie sich für eine Sanierung mit Umbaumaßnahmen. Gebäude und Grundstück im Berliner Vorort Zehlendorf hatten sie im Internet entdeckt. Dass es zuvor zu keinem Verkauf kam, verdanken sie der unvorteilhaften Parzellengröße: Erst zwei sogenannte Stadtvillen hätten sich für Investoren gerechnet, aber nicht gepasst. Sonst hätte die ehemalige Druckerhalle aus den Siebzigerjahren wohl längst etwas Neuem weichen müssen. Für das Büro SEHW Architektur aber passte die Umwandlung des ehemaligen Gewerbebaus in ein familiengerechtes Wohnhaus ins Portfolio. „Es gibt kaum ein Gebäude, aus dem man nichts machen kann“, ist Egger überzeugt. Bauen im Bestand ist für ihn und sein Team eine Frage der Haltung. Seine Leidenschaft gilt „vermeintlichen hässlichen Entlein“ wie der Zehlendorfer Druckerei, aus denen er mit Verve herauskitzelt, was an Potenzial in ihnen steckt. „Häutung“ nennt Xaver Egger diesen Prozess. (…)

erschienen in HÄUSER Magazin Oktober/November 2019

Stress and the City – Architektur auf der Couch

Architektur auf der Couch: Ein Arzt will dem Stress in der Stadt auf den Grund gehen; darüber diskutiert er mit dem Architekten J. Mayer H., aber auch der Entertainer Harald Schmidt kommt zu Wort. Passend dazu zeigen wir die Serie „City Scape“ der amerikanischen Fotografin Clarissa Bonet.

PDF lesen unter www.bauntez.de

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Berlin: A City Soft As Butter

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Fotos: Simon Menges, Text: Jeanette Kunsmann

Read the full article in the fantastic Berlin-Issue of the superfantastic uncube magazine:  www.uncubemagazine.com

In den Ferien zuhause

Eine italienische Architektin baut in Spanien ein Wohnhaus für eine deutsche Designerin. Klingt nach einer guten Geschichte – ein Besuch in Barcelonas Vorstadt.64189717_c05396668e

Jeder große Architekt hat einen Stuhl oder eine Lampe entworfen – jeder namhafte Designer schon mal ein Haus gebaut. Die Grenzen zwischen Kunst, Design und Architektur verschwimmen zunehmend – ob aus Mut, Größenwahn oder Langeweile.

In Sant Cugat del Vallès, einer kleinen Stadt westlich von Barcelona, hat eine Designerin für sich und ihre Familie ein Wohnhaus gebaut. Jeannette Altherr wollte ihr neues Zuhause nicht selbst entwerfen, aber sie wollte mitbestimmen – der Neubau ist zusammen mit der italienischen Architektin Enrica Mosciaro entstanden. Trotz eines ähnlichen ästhetischen Verständnisses mussten sich beide auf fremdes Terrain wagen. Die Architektin plant in Zentimetern, die Designerin denkt in Millimetern: Das Projekt ist ihr gemeinsames Baby geworden.

Ebenso wie Interior-Design nicht nur eine hübsche Ansammlung teurer Möbelklassiker ist, ist ein Haus mehr als die Summe seiner Einzelteile. Wenn es die Aufgabe des Designs ist, das Wesen der Dinge zu erforschen, welche Rolle spielt die Architektur? „Jedem Entwurf für ein privates Wohnhaus gehen lange Gesprächssitzungen voran“, erzählt Enrica Mosciaro. „Zunächst muss man als Architekt schließlich herausfinden, was jeder einzelne wirklich will und braucht und es von dem trennen, was er meint, sich wünschen zu müssen.“ Architektur wird Psychoanalyse, das Haus ein gebautes Familienportrait.


Mehr unter: www.baunetz.de

und der Hausbaus aus Sicht der Designerin auf www.designlines.de

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Wer berühmt ist, gehört sich nicht mehr selbst. Über den Dokumentarfilm Haus Tugendhat

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Es sollte ein kleines Haus mit fünf Zimmer werden. Als Fritz und Grete Tugendhat den Architekten Ludwig Mies van der Rohe 1928/29 mit dem Entwurf für ein Wohnhaus im tschechischen Brünn beauftragten, ahnten sie, worauf sie sich einlassen, und hatten dennoch keine Vorstellung, was sie erwarten würde.

Der Architekt, der im selben Jahr den deutschen Pavillon auf der Weltausstellung in Barcelona gebaut hatte, überraschte das jüdische Unternehmer-Ehepaar mit einem modernen, leichten und schwerelosen Gebäude, in dem die Kinder nicht niesen wollten, aus Angst, es breche sonst zusammen. „Versenkbare Glaswände, pathetische Räume und vor allem diese Noblesse“, schwärmt Ruth Guggenheim-Tugendhat in ihren Kindheitserinnerungen. „Schon damals wusste jeder, dass dieses Haus besonders war.“

Ruth Guggenheim-Tugendhat ist eine von vielen Stimmen, die in dem Dokumentarfilm „Haus Tugendhat“ zu Wort kommen. Regisseur Dieter Reifarth verwebt darin geschickt die Biographie des beeindruckenden Bauwerks mit dem Portrait einer Großfamilie voll an persönlichen Schicksalen. Auch die einflussreichen Tugendhats wurden von den Nationalsozialisten verfolgt und mussten von Tschechien über die Schweiz nach Venezuela fliehen.

Eine Zeit lang blieb ihr schönes Haus, dass die gesamte Familie so geliebt hatten, unbewohnt – es folgt eine abwechslungsreiche Nutzergeschichte. Die deutsche Familie Messerschmidt mietete die Villa Tugendhat für 1.300 Reichsmark und machte es sich dort gemütlich: Eine biedere Bauernstube in der großen Halle war nur eine von mehreren Bemühungen, sich in dem modernen Wohnhaus einzurichten. In den ersten Nachkriegsjahren diente das Haus als private Ballettschule, später dann, von den 1950er bis 80er Jahren wurde es als Therapiezentrum für wirbelsäulengeschädigte Kinder genutzt. Erst seit 2012 ist die Villa Tugendhat saniert und wieder für Besucher zugänglich – für die lebenden Mitglieder der Familie Tugendhat war dies ein mühsamer und langer Kampf. „Wer berühmt ist, gehört sich nicht mehr selbst“ – dies trifft nicht nur auf bekannte Persönlichkeiten, sondern eben auch auf Ikonen der Baugeschichte zu.

Reifarth fügt all diese unterschiedlichen Geschichten, die in der Villa beginnen, diese streifen oder hier enden, zu einem spannenden und facettenreichen Film zusammen. Gespräche mit den noch lebenden Familienmitgliedern und ihren Enkeln sowie den einstigen Benutzern des Hauses, Kunsthistorikern und Restauratoren spannen einen großen Bogen auf; historische Foto- und Filmaufnahmen des Gebäudes werden durch Familienfotos ergänzt und lassen die Villa lebendig werden.

Die Frage, ob man in der Villa wohnen kann, zieht sich durch den gesamten Film und wird mit diesen Fragmenten subtil beantwortet. Spielende Kinder im Garten, eine glückliche Familie auf dem Mies-Sofa oder turnende Mädchen vor der Onyxwand sind stille, schöne Momente in der Biographie dieses Bauwerks. Ergänzt durch die Perspektive der Kunsthistoriker und Denkmalpfleger ist so ein kluger Film entstanden, der weit mehr Themen anspricht, als die Geschichte der Familie Tugendhat und ihrer berühmten Villa.

Der Film „Haus Tugendhat“ will dabei nicht mehr sein, als er ist: eine Dokumentation. Gerade deshalb ist er so gelungen, weil Reifarth es schafft, mit sanften Tönen, leisen Bildern und einem unaufgeregten Tenor ein so großes Spektrum zu eröffnen: Mit Architektur fängt es an, doch spiegeln sich hier alle Aspekte das Leben. (Jeanette Kunsmann)

erschienen am 23. Mai 2013 auf www.baunetz.de

Haus Tugendhat

Buch, Regie und Schnitt: Dieter Reifarth
Kamera: Rainer Komers, Kurt Weber
Pandora Film, 2013

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(Foto: © strandfilm, Pandora Film Verleih)

Neustart nach der Postmoderne – Caroline Bos und Ben van Berkel im Gespräch

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Seit Freitag ist in der Berliner Galerie Aedes die Installation „Motion Matters“ von UN Studio zu sehen. Wir sprachen vor der Eröffnung mit Caroline Bos und Ben van Berkel über die Postmoderne, den perfekten Raum und das Geheimnis der ewigen Jugend.

Die 80er Jahre gelten als sehr ideologisch geprägt: Die Postmoderne war noch in vollem Gange, während Koolhaas und andere sich schon wieder der Moderne zuwandten. Sie haben 1988  – mitten in diesen Zeiten – ihr Büro gegründet. Mussten Sie sich freischwimmen?

Ben van Berkel: Interessante Frage! Man darf nicht vergessen, dass diese ideologischen Spannungen ihren Ursprung in der Architectural Association hatten. Unsere Dozentin war Zaha Hadid – wir waren also eine jüngere Generation, zusammen mit Nigel Coates, der bei Bernard Tschumi gelernt hatte. Heute könnte man diese Gruppe vielleicht unter dem Titel „Narrative Architektur“ zusammenfassen.

Im Gegensatz zur Postmoderne, zu Krier, aber auch zu Tschumi und Koolhaas, die sich der Architektur eher über die politischen Themen dieser Zeit genähert haben, gingen wir ganz von architektonischen Fragen aus. Darüber haben wir auch unser erstes Buch geschrieben, wie Architektur wieder aus sich selbst heraus faszinieren kann.

Caroline Bos: Neben unserer theoretischen Arbeiten haben wir von Anfang an versucht zu bauen. Zaha Hadid hatte noch nicht ein Gebäude realisiert, da hatte Ben bereits einige Bauten abgeschlossen. Man hatte fast den Eindruck, dass sogar etablierte Architekten Angst davor hatten, beim Bauen Kompromisse machen zu müssen. Aber Architekten müssen praktizieren – sonst sind sie nie in der Lage zu bauen.

Frau Bos, Sie wurden einmal als „kritischer Motor“ von UN Studio bezeichnet. Wie kamen Sie zusammen, was dachten Sie damals über Bens Ansatz und wie sehen sie seine Arbeit heute?

Caroline Bos: Noch kritischer! (lacht)

Sie sind Kunsthistorikerin – wie muss man sich ihre Zusammenarbeit vorstellen?

Caroline Bos: Wir hatten zu Anfang keine Ahnung, dass wir einmal zusammen arbeiten würden, kannten uns aber schon, bevor wir nach London gingen. Als wir eine Ausstellung besprechen sollten, haben wir entdeckt, dass wir zwar unterschiedliche Betrachtungsweisen haben, dass die sich aber gut ergänzen. Mir gefallen Bens Ideen und Visionen; wir stimulieren uns auf eine intellektuelle Weise.

Was erwarten Sie von Ihrer Architektur? Wie sieht der perfekte Raum aus?

Ben van Berkel: Ein perfekter Raum ist unperfekt. Bei unserer Architektur geht es mehr um das Nachbild: Was in Erinnerung bleibt, ist wichtiger als das, was wir sehen oder erwarten. Es ist wie mit Büchern oder Filmen – wenn sie gut sind, will man sie immer wieder lesen oder noch einmal sehen.

Box vs. Blob: Vor etwa 15 Jahren gab es noch einen ausgeprägten Konflikt zwischen diesen beiden Strömungen, heute scheint in der Architektur alles möglich, und es wird kaum noch diskutiert. Vermissen Sie die Debatte?

Caroline Bos: Ich denke, weniger entscheidend als der eigentliche Konflikt war es, neue Ideen zu entwickeln. Vielleicht sind wir heute nicht mehr so involviert, aber ich vermisse schon eine generelle Auseinandersetzung. Die neuen Computerprogramme waren aber nicht nur die Basis für Blob-Architektur, sondern auch für effizienteres und schnelleres Arbeiten.

Ben van Berkel: Box oder Blob, wen kümmert das schon? So lautete schon damals unser Statement. Wir wollten die Architektur von stilistischen Referenzen befreien, umdenken und neue Gedanken und Ansätze zusammenbringen. In sofern sind wir vielleicht auch mitschuldig daran, dass es heute weniger Diskurs gibt. Und vielleicht braucht es nun wieder mehr Sinn und Verantwortung.

Caroline Bos: Ja, der Konflikt damals war sehr intensiv und von Bedeutung – das ist heute nicht mehr so.

Sie haben nicht nur Gebäude entworfen, sondern auch Möbel und städtebauliche Masterpläne. Gibt es für Sie einen Unterschied zwischen Design, Architektur und Städtebau?

Ben van Berkel: Selbstverständlich gibt es Unterschiede. Wir denken aber kaum in einzelnen Maßstäben, sondern in Aspekten und Kategorien. Uns ist aufgefallen, dass sich diese fast immer übertragen lassen: vom Großen ins Kleine und umgekehrt. Der Burnham Pavilion in Chicago ist dafür ein gutes Beispiel. Er sieht aus wie ein Tisch und hat uns deswegen zu einem Möbelentwurf inspiriert: dem „Sit-in-Table“.

Beeinflusst Modedesign Sie als Architekten?

Ben van Berkel: Architekten können keine Mode, aber vielleicht ein Kleid für die Zukunft entwerfen. Man kann von jedem Gebiet etwas lernen und sich inspirieren lassen.

Wie sieht denn ihre Vision für die Gebäude der Zukunft aus?

Ben van Berkel: Wie Architektur in ein paar Jahrzehnten aussehen wird, kann ich leider nicht sagen –  sie wird auf jeden Fall performativer und interaktiver sein.

Ein großes Thema heute ist Umbau und Umnutzung von bestehenden Gebäuden. Die Projekte von UN Studio sind sehr präzise Entwürfe, sehr festgelegt – könnten Sie sich vorstellen, dass sie in fünfzig Jahren eine andere Nutzung haben?

Ben van Berkel: Daran sind wir jedenfalls sehr interessiert. Wir versuchen auch, unseren Auftraggebern zu vermitteln, dass zum Beispiel ein Bürogebäude gar nicht als Bürogebäude gebaut werden sollte. Also schauen wir auf Raster und Systeme und versuchen, sie so zu entwerfen, dass sie auch zu Wohngebäuden werden könnten.

Zum Thema Haltbarkeit: Man nimmt UN Studio noch 25 Jahren immer noch als „junge Architekten“ wahr – was ist Ihr Geheimnis?

Ben van Berkel: Wir lehren beide – das hält frisch! Außerdem sind alle unsere Mitarbeiter deutlich jünger.

(Das Gespräch führten Jeanette Kunsmann und Stephan Becker; erschienen am 22. Mai 2013 auf www.baunetz.de)

Schreckliche Berufe#1: Der Makler

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Herr F. hat sie in der Hand, die Schlüssel zum Glück. Oft kommt er fünf Minuten zu spät, dann muss er nicht warten und auch nicht allen Interessenten umständlich die Tür aufhalten. Er grüßt kurz in die Runde, schließt dabei die Haustür auf, geht schnellen Schrittes voran und verteilt die Bewerbungsbögen in der Küche. Manchmal ist er auch aber schon etwas eher da – dann, wenn er sich selbst vorher noch mal ein Bild machen will.

Immobilienmakler: das ist einer dieser Berufe, die von vielen als unehrenhafte Tätigkeit gesehen werden – so, wie es mal der Zöllner war. Dabei ist es doch ein wichtiger Job, Wohnungen zu vermitteln. Der Ärger beginnt mit den Provisionen: Äquivalent zu den hohen Mieten ist die Makler-Courtage ebenfalls enorm gestiegen – da genügt es häufig nicht mehr, den Sommerurlaub zu streichen. Doch vielleicht wurde einfach nur die Rollentverteilung missverstanden: Müsste nicht eigentlich der Vermieter, und nicht der Mieter den Makler bezahlen?

Und dann dieses Maklerdeutsch, eine Sprache mit eigenen Codes: hinter „Gartennutzung“ verstecken sich dunkle Wohnungen im  Erdgeschoss, ein „charmanter Altbau“ kann eine Bruchbude sein,  „ruhige Lage“ heißt ab vom Schuss, „verkehrsgünstig gelegen“ ist meistens irre laut und „neuer Holzboden“ meint Laminat. Die Tricks sind bekannt, trotzdem mag es niemand, angelogen zu werden.

Die Wohnung, die Herr F. heute zeigt, ist gar nicht mal so schlecht, aber doch etwas zu klein. Der Makler scheint gut gelaunt und beantwortet bereitwillig ein paar Fragen:

Makler in Berlin, ein Traumjob? Immerhin werden auffallend mehr Provisionen in Rechnung gestellt.
Ja, man merkt da einen deutlichen Anstieg. Viele Hausverwaltungen wollen sich nicht mehr um die Vermittlung ihrer Wohnungen kümmern, diese Sonntagsbesichtigungen sind ja auch nicht besonders familienfreundlich. Und im Anzeigen erstellen: Da sind wir Makler einfach besser.

Wie kann man eine schlechte Wohnung gut anpreisen? Verraten Sie uns ein Beispiel?
Ach, da gibt es so einige Möglichkeiten. Für die dunkle Wohnung im Erdgeschoss zeigt man in der Anzeige Fotos von der Wohnung drei Etagen höher und bei renovierungsbedürftigen Wohnungen erlässt der Vermieter ein paar Kaltmieten. Unglaublich, dass sich heute immer noch genügend Freiwillige finden, die gerne Dielenböden abschleifen wollen.

Warum ist der Wohnungsmarkt in Berlin so unentspannt?
Finden Sie? Ich denke eher, die Berliner sind unentspannt. Vor zehn Jahren gab es noch nicht so hohe Ansprüche, da wollten man vor allem günstig wohnen und hat dafür auch die Ofenheizung in Kauf genommen. Heute wollen alle in den einschlägigen Bezirken wohnen und nicht am idyllischen Stadtrand, dabei sind die Verkehrsanbindungen doch gut ausgebaut. Die Leute wollen Luxus, sind aber nicht bereit dafür zu bezahlen.

Wie wohnen Sie denn?
Oh, ich habe das Glück, dass ich das Haus meiner Eltern geerbt habe – das ist sehr schön und gemütlich, aber natürlich etwas außerhalb gelegen. Ich mag die Ruhe in meinem Garten, in Kreuzberg oder Mitte würde ich niemals wohnen wollen. Für mich ist es ja egal, wo ich in Berlin wohne, da ich immer einen anderen Weg zur Arbeit habe und sowieso den Hauptteil meiner Arbeitszeit mit dem Auto unterwegs bin.

Sind Sie bestechlich?
Nee, muss ich auch gar nicht. Ich verdiene ja ganz gut, Tendenz steigend.
(Er grinst) Und, wie finden Sie die Wohnung?

(Das fiktive Gespräch fand im Frühling 2013 während einer Wohnungsbesichtigung in Berlin statt.)