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Tag: Bauen im Bestand

Spurensuche in Beton

Eingeschlagene Fenster, zugewachsene Fassaden, Wasserschäden, Graffiti und weitere Souvenirs des jahrelangen Leerstands begrüßten die Architekten und Bauherren bei ihrem ersten Besuch. Ein trügerisches Bild. „Die Substanz war in einem ein- wandfreien Zustand, wie ein Gutachter feststellen konnte“, erzählt Sandra Scheffl, die zusammen mit Xaver Egger für Entwurf und Planung verantwortlich zeichnet. Auch wenn die Bauherren kurz über einen Abriss nachdachten, entschieden sie sich für eine Sanierung mit Umbaumaßnahmen. Gebäude und Grundstück im Berliner Vorort Zehlendorf hatten sie im Internet entdeckt. Dass es zuvor zu keinem Verkauf kam, verdanken sie der unvorteilhaften Parzellengröße: Erst zwei sogenannte Stadtvillen hätten sich für Investoren gerechnet, aber nicht gepasst. Sonst hätte die ehemalige Druckerhalle aus den Siebzigerjahren wohl längst etwas Neuem weichen müssen. Für das Büro SEHW Architektur aber passte die Umwandlung des ehemaligen Gewerbebaus in ein familiengerechtes Wohnhaus ins Portfolio. „Es gibt kaum ein Gebäude, aus dem man nichts machen kann“, ist Egger überzeugt. Bauen im Bestand ist für ihn und sein Team eine Frage der Haltung. Seine Leidenschaft gilt „vermeintlichen hässlichen Entlein“ wie der Zehlendorfer Druckerei, aus denen er mit Verve herauskitzelt, was an Potenzial in ihnen steckt. „Häutung“ nennt Xaver Egger diesen Prozess. (…)

erschienen in HÄUSER Magazin Oktober/November 2019

Wiederentdeckte Gartenstadt – Die Preußensiedlung von Hermann Muthesius

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Kaum einer kennt sie, die Preußensiedlung im Südosten von Berlin. Zwischen Neukölln/ Britz und dem noch zu eröffnenden Flughafen BBI liegend, genauer gesagt zwischen den S-Bahn Stationen Grünau und Altglienicke ist sie auch „janz weit draußen“: j.w.d., der Speckgürtel lässt grüßen. Hier wohnt man zwischen nachbarschaftlicher Kleinstadtidylle und der schnellen Anbindung durch die Autobahn friedlich im Grünen – in einem kleinen Haus mit Satteldach und Garten – welche Familie träumt nicht davon? Gute 100 Jahre nach ihrer Erfindung scheint das Modell der Gartenstadt als Alternative zur engen, stickigen Stadtwohnung aktueller als in den Jahrzehnten zuvor. Licht, Luft und Sonne anstatt dunkle Mietskaserne, Großstadtlärm und -hektik: My home is my castle!

Die Preußensiedlung von den Architekten Max Bel und Franz Clement ( 1. Bauabschnitt) und Hermann Muthesius (2. Bauabschnitt) wurde 1910-13 als kleines Dorf am Stadtrand gebaut. Es sind Arbeiterhäuser im Stil englischer Gartenstädte. Das überschaubare Ensemble aus insgesamt 45 Kleinhäusern gilt als eins der frühen gebauten Beispiele der Gartenstadt in Deutschland; in den Neunziger Jahren wurde die Siedlung im Stadtteil Altglienicke jedoch ein typisches Opfer der Wende. Schon lange hatten die unter Denkmalschutz stehenden Häuser eine Renovierung nötig, nun waren die verfallenen Bauten sogar vom Abriss bedroht.

Obwohl abseits und in Vergessenheit geraten konnte ein neuer Investor 2008 mit seinem Konzept genügend Käufer anlocken, um die Wohnhäuser zwischen Germanen- und Preußenstraße von dem Berliner Büro Kubeneck Architekten sanieren und umzubauen lassen ; außerdem wurde die Siedlung von dem Architekten Peter Brenn um einen dritten Bauabschnitt mit vier Wohnhäusern erweitert. Ein gelungenes Beispiel: Bald könnte die Siedlung nach ihrem gelungenen Umbau und Sanierung wie die nur einen knappen Kilometer entfernte Tuschkastensiedlung (1912) von Bruno Taut sogar Weltkulturerbe werden…

(Artikel erschienen im Baumeister, März 2013)
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Original + Ersatz

Am kommenden Mittwoch wird in Brünn die sanierte Villa Tugendhat wiedereröffnet. Über Detektivarbeit in der Denkmalpflege, Retrofuturismus und die Debatten zum aktuellen Umgang mit den Bauten der Moderne…

www.baunetz.de

Mehr zur Wiedereröffnung der Villa Tugenhat: www.tugendhat.eu