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Tag: Japan

Eine Höhle direkt aus der Zukunft: Junya Ishigami

Sein Denken hat vor allem einen Feind: die Standardisierung. Im Werkverzeichnis von Junya Ishigami + Associates gibt es dagegen kaum Wiederholungen. Jedes Projekt ist ein Prototyp, der sich aus einer typisch japanischen Ästhetik speist, ohne in Traditionalismus oder Nippon-Klischees zu verfallen.

Junya Ishigami

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Er liebt Radiohead, erinnert mit seinem schwarzen, eng geschnittenen Jacket und dem extravaganten Kragen irgendwie an den King of Pop und schafft mit seinen weißen Modellen abstrakte Gedankengebäude. Junya Ishigami zählt zu denjenigen, die niemals erwachsen werden – dennoch dürfte er Architekturgeschichte schreiben. Auf seiner ewigen Suche nach einer neuen Realität bewegt sich der Japaner dabei außerhalb der Grenzen des Möglichen: Es sind Systeme ohne Hierarchie, leichte Tragstrukturen, die fast verschwinden, und Gebäude, die kein Innen und Außen haben. Ein Tisch ist für ihn ebenso Architektur wie ein Haus oder eine Brücke; grundlegend für seine Arbeiten ist der Bezug zwischen Architektur und Natur. „Für mich als Japaner sind natürliche Elemente immer auch artifiziell“, erklärt der 39-jährige, der 2010 auf der Biennale in Venedig mit dem Goldenen Löwen geehrt wurde. „Es gibt keine echte Natur – selbst Wälder und Landschaften sind künstlich angelegt.“ Seine Lieblingspflanze ist Klee.

Im Antwerpener Kunstcampus deSingel ist gerade die Ausstellung „How Small? How Vast? How Architecture Grows“ zu sehen, die zum ersten Mal das Gesamtwerk von Ishigami nach Europa holt. 58 Projekte sind auf den schmalen Holzbrettchen, die weder Tisch noch Bank sind, drapiert. Modelle, Miniaturen, Zeichnungen und Aquarelle – Ishigami hat all seine Ideen und Entwürfe ordentlich aufgereiht und wie in einem Labor perfekt und steril inszeniert. Die Ausstellung selbst ist ein Kunstwerk: Die Modelle sind keine typischen Architekturmodelle, es sind geklebte und gefaltete Papierwälder und -landschaften, gebastelte Pflanzen, Wolkenstudien, Puppenstuben und Wohnhäuser, die ähnlich wie ein Bühnenbild gebaut sind und in dem schwarze Papierfiguren Szenen nachspielen, die ein wenig Aktion in die schönen Modelle bringen. Auf den acht schwebenden, sehr langen Tischen ist alles so leicht und fragil, dass man aus Angst, man könnte husten oder niesen, am liebsten die Luft anhalten möchte.

„Ich möchte das Innere eines Gebäudes so entwerfen, dass es sich wie ein Außenraum anfühlt“, sagt das japanische Wunderkind, das bis 2004 bei SANAA gearbeitet hat. Die extrem schmal dimensionierten Wände, Stützen und Decken entwickelt Ishigami zusammen mit dem Ingenieur Jun Sato. Bei seinem Debüt, dem Kanagawa Institute of Technology KAIT Workshop bei Tokio, sorgte er 2008 mit 63–90 Millimeter dünnen Stützen und einem unregelmäßigen Raster für Aufmerksamkeit. Ein fünf Meter hoher Stützenwald ermöglicht eine Auflösung jeglicher Wände – es entsteht ein Außen- im Innenraum, ein schwebendes Klassenzimmer. Die zehn Meter lange Tischplatte, die Junya Ishigami 2005 in einer Gallerie in Tokio installierte, wurde mit einem Querschnitt von nur 3 mm fast unsichtbar – ein Spiel aus Illusion und Wirklichkeit. „Ich möchte, dass die Konstruktion ein Rätsel wird“, erklärt Ishigami.

Auf Zehenspitzen schleichen die Besucher durch die Ausstellung. Am Ende der Retrospektive wartet in einem zweiten Raum ein runder Abschluss: Die Installation „Little Gardens“ zeigt eine Sammlung von winzigen Miniatur-Blumen, die wie Süßigkeiten wirken. Der runde weiße Tisch mit den drei dünnen Beinen scheint wie alles andere in der Ausstellung ebenfalls zu schweben – bei Junya Ishigami ist die Schwerkraft eben besonders gering.  „Everything is always changing everytime“, flüstert der japanische Architekt als Antwort auf die Frage, was für ihn Nachhaltigkeit ist; eine Zeile, die auch Thom Yorke singen könnte. „We always want to try change situations before they change.“ Man kann viel von ihm lernen. (Jeanette Kunsmann)

erschienen in der Baunetzwoche#308 Junya Ishigami

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Die Austtellung Junya Ishigami. How Small? How Vast? How Architecture Grows ist noch bis zum 16. Juni 2013 im deSingel Internationale Kunstcampus, Desguinlei 25, B-2018 Antwerpen zu sehen.

www.desingel.be

New Standards in ARCH+208

Einschränkung als Herausforderung –
Wohnungsbaustandards in Japan und Europa
Jeanette Kunsmann, Seite 168-170
erschienen in ARCH+208 Tokio. Die Stadt bewohnen
29. August 2012

www.archplus.net

Sou Fujimoto: Futurospektive Architektur

Learning from Tokyo

Was für ein Event! Riken Yamamoto und Sou Fujimoto, aber auch jüngere, hierzulande noch weniger bekannte Architekten wie Go Hasegawa und Ryuji Fujimura aus Tokio sind zu Besuch in Zürich, weil die Schweizer Stadt von der japanischen Metropole lernen will. „Learning from Tokyo“ lautet der Titel des zweitägigen Symposiums, zu dem das Architekturforum Zürich Anfang März eingeladen hatte. Dahinter versteckt sich die Frage nach neuen innerstädtischen Wohnbauten, Verdichtung des urbanen Wohnens und der Stadtentwicklung in den kommenden Jahrzehnten – ein Dialog zwischen japanischen Architekten und Schweizer Baumeistern auf der Suche nach klugen Wohnformen für heute und morgen. (jk)

www.baunetz.de

Learning from Tokyo: Sou Fujimoto, Mathias Heinz, Ryoko Ikeda, Go Hasegawa, Riken Yamamoto, Akihisa Hirata, Ryuji Fujimura, Sasha Cisar, Hiromi Hosoya und Markus Schaefer (Foto: Axel Vansteenkiste)

Poesie im Nirgendwo

Das Inujima Art House Project von Sejima

Ein Spiegelkabinett, ein Laufsteg, ein Holzrahmen so groß wie ein Familienhaus und ein silberner Hut – wäre man bösartig, könnte man die vier neuen Gebäude der japanischen Architektin Kazuyo Sejima (zweiter Kopf von SANAA: Sejima And Nishizawa and Associates) auf eben diese vier auf die Schönheit ausgelegten Attribute der Weiblichkeit reduzieren. Dabei spielt Sejima in ihren Minigebäuden des Inujima Art House Projects auf eine so einfache Art mit Raum, Oberflächen und Sichtbezügen, dass man die zweite Ebene in diesen eben „Ach-so-schönen-Bauwerken“ etwas suchen muss.

Das Ensemble wurde mitten in die Landschaft der japanischen Insel Inujima implantiert und setzt sich aus vier sehr unterschiedlichen Architekturen zusammen: F Art House, I Art House, S Art House und Nakanotani Gazebo. Während sich das eine durch seine verspiegelten, gewellten Wände ohne Dach auszeichnet, formt sich das andere als ein langer, schmaler S-förmiger Gang, der nur durch dünne transparente Acrylwände von seiner Umgebung getrennt ist. Decke und Boden sind geschlossen und bilden eine Art Schlauch. Das I Art House erscheint wie ein traditionelles japanisches Haus, bietet jedoch durch seine großflächigen Fenster einen freien Ausblick. Und hinter dem Nakanotani Gazebo verbirgt sich ein schalenartiges Aluminiumdach, das ähnlich wie ein Sommerhut auf Grund seiner perforierten Oberfläche vor Sonne, jedoch nicht vor Regen schützt. Dünne Stützen halten das Dach und erinnern durch ihre Leichtigkeit an den Serpentine Pavillon von SANAA in London.

In dem Inujima Art House Project mischen sich auch noch weitere Motive von Sejimas und Nishizawas einzelnen wie gemeinsamen Projekten. Die Spieglung der Besuchersilhouette in der Architektur zum Beispiel. Oder die unsichtbare Trennung von Innen- und Außenraum. Menschen treffen sich in Architektur – die japanische Leichtigkeit des Seins schreibt eine Poesie im Nirgendwo.

Hintergrund der Arbeit von Sejima ist die aktuelle Situation auf der verträumten Insel. Verlassene Wohnhäuser erzählen leise die Geschichten ihrer Bewohner, ansonsten ist die Insel überschaubar: ein Friedhof, Industriebrachen und Felder – Etwa 50 Familien wohnen noch auf Inujima; die Jüngeren ziehen meist sobald wie möglich weg. So gesehen hat Sejima eine Gruppe begehbarer Denkmäler geschaffen – Interventionen im verlassenen Paradies. Dem Betrachter wird ein persönlicher Bezug zu den Miniarchitekturen abverlangt, er muss sich selbst mit der Gesamtsituation auseinandersetzen – Menschen in Architektur. (jk)

(erschienen am 13. Januar 2011 in den BauNetz-Meldungen)

Fotos: Iwan Baan

Made in Japan

Weiße, streng geometrisch geformte Bauten, schlichte leere Räume, die immer aufgeräumt sind, und papierdünne Wände – lässt sich die zeitgenössische japanische Architektur wirklich auf diese Attribute reduzieren? In den letzten Jahren sind in Japan eine Reihe gebauter Experimente, besonders im Wohnungsbau, entstanden. Sie zeigen uns kunstvolle Nutzungen minimaler Räume, mögliche Mischungen verschiedenster Funktionen und dass Bauen ein Prozess ist, das Wort Stillstand eine Unbekannte. Nichts hält für die Ewigkeit – selbst Tempelbauten werden meist nach dreißig Jahren abgerissen und neu gebaut…

Neue BauNetzWoche über japanische Experimente:

im Baunetz oder direkt www.baunetz.de/woche