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Tag: Berlin

Zwischen den Regalen

Der Suhrkamp Verlag hat seinen neuen Hauptsitz in Berlin-Mitte bezogen. Entworfen wurde das Betonensemble als eine sorgfältige Stadtreparatur von Roger Bundschuh. Das Innenleben des Verlagshauses hat das Team von Kinzo geplant. (…) Die konisch geformten Etagengrundrisse ergeben sich aus der stadtplanerischen Setzung – die Architektur erinnert selbst an eine überdimensionale doppelte Regalreihe. Roger Bundschuh geht es dabei, wie schon zuvor beim benachbarten L40, um eine Auflösung des Blockrands. Das neue Haus soll eben nicht wie der Poelzig-Bau sein, der an dieser Stelle einmal stand, sagt Bundschuh, sondern das genaue Gegenteil: „Kein Blockrand, kein enger Hinterhof.“ Stattdessen öffnet sich sein Entwurf zum Rosa-Luxemburg-Platz und zur Linienstraße. „Es gibt keine Schauseite und keine Rückseite, der städtische Raum umgibt das Gebäude.“ Während die dunkle Fassade des L 40 gegenüber als markanter Monolith den Stadtraum bespielt, bezieht sich der Suhrkamp-Neubau mit seiner hellen, warmen Betonfassade in Form und Farbigkeit auf den Bühnenturm der Volksbühne. Noch sind die Außenanlagen nicht endgültig fertiggestellt. Im Innern wird dagegen bereits am nächsten Kapitel der Geschichte des Suhrkamp-Verlages geschrieben.

Zum gesamten Artikel, erschienen bei www.stylepark.com

Die Räuber

Alles begann 1991 mit Schillers Räubern und im Fall der Volksbühne wurde der Bühnenbilder nicht nur, wie so oft, zum ersten Autor einer Inszenierung, Bert Neumann gestaltete mit seinem Räuberrad DAS Wahrzeichen der 25-jährigen Castorf-Ära. Das vier Meter hohe Metallrad mit den zwei Beinen stand seit 1994 vor dem Theaterbau am Rosa-Luxemburg-Platz und zierte als Logo bis zum Intendantenwechsel sämtliche Postkarten, Streichholzschachteln und Spielzeitprogramme. Damit ist Neumanns Räuberrad ein Hybrid zwischen Kunst am Bau, Kunst im öffentlichen Raum, Theaterkunst und Marketinginstrument. Es ist das Symbol von Frank Castorfs Volksbühne im Nachwende-Berlin.

erschienen in: Marmor für alle. Zur Kunst im öffentlichen Raum, Hrsg. Jörg Johnen, Mitte/Rand Verlag, Berlin 2018

Mit der Skulptur beziehen sich Castorf und Neumann auf die mittelalterlichen „Gaunerzinken“: eine gezeichnete Geheimsprache, mit der Einbrecher seit Jahrhunderten untereinander kommunizieren. Der gekreuzte Kreis bedeutet „Vorsicht, nicht vorsprechen“ – für die Theatermacher symbolisiert das Räuberrad das Rebellische der Volksbühne. Theater sei der letzte Partisan, ist eine zentrale Aussage von Castorfs Bühne.

Geschaffen hat das Volksbühnen-Räuberrad der Metallbauer und Designer Rainer Haußmann, in dessen Atelier in Oberschöneweide es für kurze Zeit stand. Er sollte das „Denkmal“, das er 1994 zusammengeschweißt hatte, restaurieren – ursprünglich sollte das laufende Rad ja nur für ein paar Monate vor dem Portal der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz stehen. Wirklich davongelaufen, oder gerollt, ist es aber erst im Sommer 2017, als Chris Dercon seinen Posten als neuer Intendant antrat. In einem dramatischen Zweiakter wurde die Metallskulptur aus ihrem Fundament gelöst und reiste mit Castorf als Trophäe zum Theaterfestival nach Avignon. Ob der Altintendant das überhaupt durfte, bleibt umstritten, die eigentumsrechtliche und urheberrechtliche Zulässigkeit des Abbaus ist ungeklärt. Das Land Berlin hatte das Kunstwerk in den Neunziger Jahren für 11.000 Euro gekauft, ein denkmalrechtlicher Schutz besteht nicht. Glaubt man den Tageszeitungen und der Berliner Senatsverwaltung, könnte es ein gutes Ende geben. Nach der Sanierung soll das Rad am selben Standort vor der Volksbühne wiedererrichtet werden, „insofern sich die drei Parteien nicht auf einen anderen, würdigen Standort einigen“, heißt es in einer Pressemitteilung des Berliner Senats zu Einigung zur Zukunft des Räuberrad vom 28. Juni 2017. Die drei Parteien sind Frank Castorf, sein Nachfolger Chris Dercon und die Erben des 2015 verstorbenen Bühnenbildners und Künstlers Bert Neumann. Womit man von Schiller zu Lessing wechselt, denkt man an die Ringparabel, die auf wenige Worte reduziert, den Streit zwischen drei Brüdern (oder drei Religionen) thematisierte. Mit dem Unterschied, dass es das Räuberrad des verstorbenen Bert Neumann nur einmal gibt.

Räuberrad, 1994–2017
Rosa-Luxemburg Platz / Linienstraße 227, 10178 Berlin, Künstler: Bert Neumann, Rainer Haußmann, Metall,4 Meter hoch

www.mitte-rand.de

Studio Visit: Kuehn Malvezzi

„Erst heute morgen haben wir noch überlegt, was wir jetzt eigentlich mit unserer Handbibliothek machen sollen“, sagt Wilfried Kuehn und trinkt einen Schluck Espresso. Sein Blick wandert durch den Garten. „Aber vermutlich werden wir uns einfach davon trennen“, schließt er nach einer kurzen Pause. Mit dem Umzug von der Heidestraße in die Torstraße sollte sich nicht nur das Büro in die Vertikale ziehen – Kuehn spricht von einem Townhouse – das gesamte Team von Kuehn Malvezzi arbeitet seit Jahresbeginn hauptsächlich digital: „Es liegt kein Papier mehr auf den Tischen“, erklärt der Architekt. Die Umstellung ist enorm, aber effektiv: Alles wurde digitalisiert und archiviert, neben Nachschlagewerken wie dem Neufert konnten sogar die Telefone im Computer verschwinden. „Die Mitarbeiter nutzen zum Telefonieren ein Programm und die schlanken Kopfhörer vom Smartphone“, erklärt Kuehn. „Das funktioniert sehr gut.“

© Giovanna Silva

Freie Tische bedeuten auch Freiheit für Kreativität. Und eine flexible Platzwahl. Auch wenn es bei Kuehn Malvezzi sogenannte Projektarbeitsplätze gibt, wechseln die Mitarbeiter nicht jeden Tag ihren Schreibtisch. Simona Malvezzi und den Brüdern Wilfried und Johannes Kuehn, die 2001 ihr gemeinsames Büro gegründet haben, geht es dabei um Austausch. „Wir wollten ausschließen, dass sich durch die Verteilung auf die einzelnen Etagen am Ende kleine Gruppen bilden“, begründet Wilfried Kuehn das Arbeitsplatzkonzept. „Nun wechseln die verschiedenen Architekten ihren Tisch je nach Projekt und arbeiten mal im zweiten, mal im ersten Geschoss.“ In der dritten Etage wartet ebenfalls ein langer Tisch mit Blick auf die Torstraße, im Erdgeschoss trifft man sich auch mit Gästen und Fachplanern zu Besprechungen – „so ist man nie ganz raus, sondern bleibt im Geschehen.“

Der Eingang öffnet sich zur Straße, „hier könnte auch eine Bar stehen, letzte Woche hatten wir im Entree ein kleines Fotoshooting“, erzählt der Architekt. Die vertikale Aufteilung der einzelnen Nutzungen pro Etage erlaubt Kuehn Malvezzi, auf Türen zu verzichten: eine Offenheit, die bewusst gewollt ist. Eine schmale Treppe an der Seite verbindet die Büroetagen, wobei sich Garderobe, Wasserspender, Drucker und Plotter in den Nischen vor und nach der Treppe extrem gut platzieren. Einen Aufzug gibt es auch, er verschwindet hinter einer weißen Tür. Wir sitzen im rückseitigen Garten, in dem sich eine unglaubliche Ruhe ausbreitet, obwohl draußen die Torstraße tobt. Dass man den Verkehr nicht hört, liegt an der Höhe des Vorderhauses. Und da Kuehn Malvezzi ihren Neubau mit den Geschosshöhen eines Berliner Altbaus entworfen haben, fällt dieser gar nicht so auf. Der Architekt redet von den Schallschutzfenstern: „Der Öffnungsflügel zur Torstraße ist ein Fenster, das sich in eine Wandtasche schiebt – ähnlich, wie es Schinkel für die Bauakademie geplant hatte.“ Das sieht gut aus und es funktioniert. Akustik findet Wilfried Kuehn in einem Büro mit das Wichtigste: zehn Meter lange Akustikwände wurden vom Künstler Michael Riedel als textile Wandarbeit für den Ort gemacht und deshalb sitzen die Architekten bei Kuehn Malvezzi auch alle an einem langen Tisch, der sich aus zehn Schreibtischen zusammensetzt. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass der Lärmpegel bei kleinen Gruppen und Kojen steigt“, sagt Kuehn. „Wenn man die Schreibtische so anordnet, dass sich alle sehen, ist es von Beginn an leise und es bleibt auch leise.“

Was im Inneren sofort auffällt ist der helle, weiche Boden: ein Magnesiaestrich, der gerade gewachst wurde, um die empfindliche Oberfläche zu schützen. Mit seiner fugenlosen Ästhetik betont er die Horizontale jeder Etage. Vielleicht spürt man das venezianische Steinpulver, vielleicht erinnert das Magnesium an die alten Skulpturen, denen man noch aus der Antike begegnen kann. „Der Boden war für uns ein Experiment.“ Die Sprache des Materials gewinnt in Zeiten der Digitalisierung an Bedeutung. Einen weiteren Gegenpol zum digitalen Büro bildet auch der Garten, den die Landschaftsarchitekten Atelier Le Balto gestaltet haben. Das Trio arbeitet regelmäßig mit Kuehn Malvezzi zusammen – Garten und Pavillon für das House of One in Berlin sind ein gemeinsames Projekt. Für das Architekturbüro hat das Atelier Le Balto eine reduzierte Oase geschaffen: Ein umlaufendes Betonplateau rahmt den Garten ein und führt wie ein Kreuzgang um die Mitte, in die drei junge Robinien gepflanzt wurden. Als Abtrennung dienen Kirschbäume, die am Spalier wachsen und eine Wand bilden. So ergibt sich ein Raum im Garten, während sich der Kreuzgang sehr gut zum Telefonieren eignet, wie Wilfried Kuehn anführt. Auch wenn es einen Gärtner gibt, kümmern sich die Architekten selbst um die Bewässerung der Bäume und pflegen ihren Garten.

„Das Büro verändert sich“, meint Wilfried Kuehn und beschreibt es als einen sozialen Ort, deshalb gebe es auch so viele Coworking-Spaces. „Natürlich kann jeder einfach bei sich zuhause arbeiten, aber der Mensch sucht nach Austausch“, sagt der Architekt. Für ihn ist das Büro zum Lebensraum geworden, ein sozialer Ort mit einer ganz anderen Bedeutung, als vor 20 Jahren. Fehlt noch der Kaffee. Weil die Architekten keine Teeküchen mögen, haben sie in ihrem kleinen Gartenhaus einen Bartresen eingebaut, der aus der ehemaligen INIT Kunsthalle stammt und ein Stück Berlingeschichte transportiert. Praktischerweise lässt sich der Anbau so für verschiedene Anlässe nutzen. Heute riecht es nach frisch gemahlenem Espresso. Der lässt sich noch nicht entmaterialisieren.

erschienen im DEAR Magazin, Herbst 2018

Berlin: A City Soft As Butter

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Fotos: Simon Menges, Text: Jeanette Kunsmann

Read the full article in the fantastic Berlin-Issue of the superfantastic uncube magazine:  www.uncubemagazine.com

Disneyland Berlin

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Baden gehen

Sommerzeit ist Badezeit. Ob im Freibad, im See oder am Meer, baden will man am Liebsten ohne den Geruch von Chlor und Pommesbude. Heute findet man Schwimmbäder auf Hochhausdächern oder in stillgelegten Industriebrachen wie in der ehemaligen Kokerei der Zeche Zollverein in Essen – Beispiele für urbane Bäder an exotischen Orten gibt es zur Genüge. In Berlin und New York soll man in Zukunft wieder in den Stadtflüssen kraulen, tauchen und planschen können. Blau leuchtendes Wasser statt brauner Suppe lautet
hier die Devise: das Flussbad in der Spree und der Pluspool im Hudson River als wegweisende Beispiele für ein sauberes Schwimmvergnügen mitten im Großstadtdschungel.

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Mach’s gut, kleiner Knut

 

Berliner Luft

Berlin is ooch nicht mehr det, wat es mal war: Der, Wedding wird jetzt richtè schniecke (Stichwort: Fäschenwiek), Friedrichshain gibt sich antikapitalistisch lässig und im Prenzlberg kann man zwischen Karaoke im Mauerpark, Biokuchen von Mutti oder den mutigen Anti-Schwabendemos wählen. Nur die Hundekacke auf der Straße, die is jebliebem, wa?

Wenn man im Sommer mit der S-Bahn fahren möchte, und dann zwischen dem Damen-Kegelverein aus Brandenburg, einer italienische Schülergruppe, nervös zuckenden Halbstarken und einem schlecht riechenden Mann mit einer Elvistolle steht, weiß man, dass man schnellst möglich sein Fahrrad reparieren sollte. Wenn man sich jedoch mutig mit in den Wagen drängelt und durch die Stadt fährt, sieht man sie, die vielen Statisten Berlins, die so sind, wie sie sind, weil sie so sind, wie sie sind: die Punker und ihre Hundis, den nie schlafenden Mann im Businessanzug, Langzeitarbeitslose ohne Uhren, Bauarbeiter mit ihren Bäuchen, die Studis, die ewige Ferienbohème sponsored by Papi (die in einer Stadt wie Berlin kein Auto fahren, weil sie „down to earth“ sein möchten), ehemalige Parteifunktionäre, slawische Schönheiten und – nicht zu vergessen: Sarrazins „Kopftuchmädchen“.

Schlechte Laune gehört zum guten Ton, eine gewisses, selbst gewähltes Savoir-vivre auch. Schließlich wurden in Berlin etliche Lebensweisheiten erfunden: „Arm, aber sexy“ – „Kreuzberger Nächte sind lang“ – „Ich komm aus Muschi, du Kreuzberg“ oder auch „Ich weiß, wo dein Haus wohnt!“

Wäre Berlin eine alte Dame, hätte sie viele Narben hinter und etliche Schönheitsoperationen vor sich. Der Palast der Republik hat sich in Luft aufgelöst, das ICC soll auch weg, Baulücken werden mit Investorenarchitektur gefüllt, während die Straßen am Stadtrand im Osten (und im Westen) teilweise noch nicht einmal asphaltiert sind.

Kurz gesagt: Berlin hat viele Gesichter, und die meisten kennt man nicht. Benjamin Tafel und Dennis Orel zeigen uns in ihrem Buch „Berliner Luft“ einige davon und vermitteln dabei hauptsächlich ein Lebensgefühl. Die Fotografen haben ihren – man möchte fast schon sagen Klassiker – noch mal neu heraus gebracht.

Fakten und Straßenkarten sind hier nicht zu finden, dann wäre das Buch ja ein Reiseführer. Nein, die beiden zeigen versteckte Nischen und absurde Orte, die längst vergessen scheinen und dennoch dort sind. Wenn man also die Junggesellenabschiede auf der Schlesischen Straße verdrängt und an Orte wie das Neverland im Plänterwald oder den Teufelsberg und die ehemalige US-Radarstation denkt, ist Berlin wirklich liebenswert und hat solche Bücher wie dieses unbedingt verdient. (jk)

Berliner Luft
Von Benjamin Tafel, Dennis Orel
Hatje Cantz, 2010, Deutsch, Englisch
256 Seiten, 21 x 14 cm, Softcover
16,80 Euro

www.berliner-luft.com

(erschienen in der Baunetzwoche#183 am 23. Juli 2010)

Was passiert, wenn nichts passiert?

Jedes Jahr wieder: Theaterferien. Das Theater schließt seine Pforten. Aber was passiert, wenn nichts passiert?

Fünf originalgetreu nachgebildete Säulen komplettieren die vorhandene Kulissenarchitektur und bringen die Volksbühne, für die Dauer der Sommerpause, selbst auf die Bühne. Die Schließung des Portals soll aber nicht nur ein absurdes Bild für die Anwesenheit von Abwesenheit schaffen. Mit der Installation wollen Anja Ohliger, Sebastian Appl, Ulrich Beckefeld von dem Berliner Büro osa office for subversive architecture das bauliche Pathos eines historischen Gebäudetypus konterkariert, dessen Ausdruck in einem glücklichen Mißverhältnis zu den darin produzierten Inhalten steht.

Ort: Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin-Mitte
Dauer: 16. Juli bis 28. August 2010

osa ist eine Gruppe von Architekten, die sich an der Schnittstelle zwischen Architektur, Städtebau und Kunst mit der experimentellen Gestaltung städtischer Räume beschäftigt mit dem Ziel, gewohnte Wahrnehmungsmuster zu unterwandern.

Foto: osa office for subversive architecture

Prinzessinnengärten in Kreuzberg erwacht

Temporäre Installation im öffentlichen Raum sind nichts aufregend Neues mehr. Aber der temporäre Anbau von Obst, Gemüse und Kräutern als neue Bespielung von Brachen ist bisher kaum bekannt, wie z.B. die Prinzessinnengärten in Berlin-Kreuzberg. Eine Gruppe junger Städter zieht auf einer Brachfläche direkt am Moritzplatz in mobilen Kompostbeeten verschiedenstes Biogemüse groß. Urban Gardening nennt sich diese neue Bewegung. Mitmachen kann jeder, der will.

http://prinzessinnengarten.net/

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