Wer nicht artig ist, kommt ins Bauhaus!

von jtkn

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Das Bauhaus und seine Weltkulturerbestätten in Weimar und Dessau
von Luise Rellensmann und Jeanette Kunsmann
veröffentlicht in: UNESCO Weltkulturerbe. Eine Deutschlandreise

So manche Professoren werden sich in Weimar schon ordentlich die Knie gestoßen haben. Zumindest solche, die die Gropius-Professur der Bauhaus Universität innehaten: Ihr Büro ist das Direktorenzimmer des Bauhaus-Gründers. Der massive Schreibtisch und der kantige Stuhl von Walter Gropius sind speziell an dessen Körpergröße angepasst – gerade einmal 1,50 Meter maß der „Giftzwerg“, wie er hinter seinem Rücken oft genannt wurde. Hier in dem kleinen Raum im zweiten Stock saß Gropius und empfing in der gelben Sofa-Ecke seine Studenten, die später die Bauhaus-Lehren von Chicago bis Tel Aviv verbreiten sollten.

Weimar gilt als die Wiege der Bauhaus-Schule, die in Dessau groß wurde und 1933 von Berlin aus die ganze Welt eroberte. In der Klassik-Stadt symbolisiert Henry van de Veldes Kunstgewerbeschule den Aufbruch in die Moderne; die eigentliche Ikone des Bauhauses findet man aber in Dessau: In der einstigen Industrie- und Arbeiterstadt ließ Gropius 1925/26 den Flügelbau mit der berühmten Vorhangfassade errichten. Seit 1996 stehen die Hinterlassenschaften des Bauhauses in Weimar und Dessau unter dem Schutz des Weltkulturerbes und haben sich in den letzten Jahren als beliebtes Ausflugsziel etabliert. Spätestens seit dem Jubiläumsjahr 2009 boomt der Denkmal-Tourismus. Heute profitieren beide Städte von dem Erbe der Baushäusler, die der Bevölkerung in Dessau und Weimar früher ein Dorn im Auge waren.

„Das Bauhaus stinkt“ hieß es etwa in Weimar, wo Spaziergänger den glatzköpfigen Bauhaus-Guru Johannes Itten und seine Schüler im Ilmpark beobachten konnten. Aufgrund der vegetarisch-würzigen Ernährung umwehte die Gruppe stets eine Knoblauchfahne, wenn sie nackt mitten im Park ihre Atemübungen zelebrierte. Ungezogene Kinder wurden damals ermahnt: „Wer nicht artig ist, kommt ins Bauhaus!“

Auch in Dessau stieß die Gropius-Schule auf Unverständnis. Auf der grünen Wiese errichtet, musste das Bauhausgebäude für viele Zeitgenossen wie ein Ufo gewirkt haben. Die Meisterhäuser waren als Musterhäuser für modernes Wohnen dem Zeitgeist um Längen voraus – unter Laien galten sie als kalt und ungemütlich. Selbst Bauhausmeister Wassily Kandinsky, der die modernen Räume mit Jugendstil-Möbeln schmückte, geriet darüber mit Gropius immer wieder in heftige Diskussionen.

Heute sind es vor allem die schlichten Gebäude wie die Meisterhäuser, die Besucher in die schrumpfende Stadt im Osten Deutschlands locken. Das frisch sanierte Ensemble der „Hochschule für Gestaltung“ ist seit 1994 Sitz der Stiftung Bauhaus Dessau und bietet Touristen in Gebäudeführungen die Möglichkeit, in die denkmalgeschützten Räume einen Blick zu werfen. Große Glasfronten, Vorhangfassaden, Einbauküche und Schiebetüren – die Modernität des fast 90 Jahre alten Campus beeindruckt. Mit etwas Phantasie kann man sich das Campusleben der rund 200 Studenten vorstellen, die in den Jahren von 1925-1931 in den für die damalige Zeit komfortablen Balkonzimmern wohnten und ihr Feierabend-Bier am liebsten auf der eigens für sie angelegten Dachterrasse genossen. Ein kleiner Aufzug auf das Flachdach, erleichterte den Studentenalltag: Er hat die exakte Größe einer Kiste Bier.

Leider dürfen die Welterbe-Besucher weder Dach noch Balkone betreten. „Die Brüstungshöhe entspricht nicht mehr der heutigen DIN-Norm, sie ist 20 Zentimeter zu niedrig“, heißt es in der Führung. Sandalenbestückte Füße in weißen Socken huschen über den Linoleumboden, fotografieren darf man nur mit besonderer Genehmigung. Das Bauhaus in Dessau ist ein Museum, eine Puppenstube, ein konserviertes Denkmal; für Lebendigkeit sorgen an schönen Sommertagen die munteren Ausflügler auf den wenigen Bierbänken vor dem Eingang des Hauptflügels.

Die Bauhaus-Uni in Weimar hingegen steht nicht nur den Studenten Tag und Nacht offen. Während im Innenhof gegrillt wird, arbeiten angehende Architekten in den legendären Atelierräumen noch an ihren Entwürfen, woanders findet ein Symposium statt. Seitdem die Bauhaus-Uni 2011 als internationale Hochschule gekürt wurde, kann sie sich vor Bewerbungen aus dem Ausland kaum retten. Für interessierte Besucher bietet die Uni den Bauhaus-Spaziergang an, er führt auch in das (zu Teilen) rekonstruierte Direktorenzimmer. Eine rote Kordel trennt staunende Besucher von der Komposition des Bauhaus-Meisters: ein kubisches Sofa in sattem Gelb steht auf einem kunstvoll-gemusterten Teppich,  in Metallstangen eingelassene Leuchtröhren scheinen wie Moleküle zwischen den hohen stoffbezogenen Raumwänden zu schweben. „Die Möbel dienen als Ergänzung des streng geometrischen Raumkonzepts“, erklärt Jonathan Schmidt, Architekturstudent im zweiten Semester. Mit Begeisterung erzählt er vom Bauhaus, hat stets ein paar Anekdoten parat und führt die Besucher nicht nur über seinen Campus, sondern auch zum Haus am Horn. Das erste Musterhaus der Bauhaus-Schule, 1923 nach einem Entwurf von dem Maler Georg Muche gebaut, ist der Vorgänger der Meisterhäuser in Dessau. Es sollte Teil einer Wohnsiedlung unweit von Goethes Gartenhaus werden, blieb jedoch in den Nachkriegsjahren und selbst nach der Wende nur aufgrund des akuten Wohnungsmangels vom Abriss verschont.

In Weimar weht nicht nur der Geist von Schiller und Goethe durch die Straßen, auch der „Spirit der Bauhäusler“ ist zu spüren und inspiriert die Studenten noch heute. Sie wollen das Erbe weiterleben und weiterdenken, anstatt musealisiert zu werden. Das zumindest ist die Botschaft, die Campus-Besucher dieser Tage empfängt. „Bad Weimar. Kurortsteil Museumsstadt Weimar “ steht auf einem gelben Ortsschild, das Studierende auf dem Vorplatz des Van-der-Velde-Baus aufgestellt haben. Ein weiteres Graffiti bringt den nötigen Umgang mit gelebten Welterbebauten auf den Punkt: Auf dem betonierten Platz vor dem Haupteingang ist in knallgelb zu lesen: „Tradition heißt die Glut zu schüren, nicht mit der Asche zu schmücken!“