Die Brille

von jtkn


Neulich diskutierte ich mit einem Freund über Brillen. Er hat seit kurzem eine Verkrümmung der Hornhaut, kann also keine Kontaktlinsen tragen und sollte seine Augen auf Dauer nicht überanstrengen. Deshalb hat er jetzt eine Brille (im zarten Alter von 31 Jahren) und fühlt sich verkleidet.

Kurz und gut, eben dieser Freund bezeichnet sich selbst als überzeugten „Brillen-Nazi“, also eine Person, die Menschen mit Brille auf der Stelle extrem hässlich und abstoßend findet (diese Beschreibung ist leicht übertrieben, aber, wie jeder weiß, werden nur übertrieben dargestellte Inhalte gehört). Bei Frauen sei eine Brille wirklich besonders schlimm. Nein, Frauen sollten grundsätzlich keine Brillen tragen dürfen. Eine Meinung, über die man lachen oder weinen kann. Zum Glück trage ich keine Brille, ich sehe überdurchschnittlich gut und habe auch kaum Brillenträger in der Familie. Eine Brille ist für mich unvorstellbar, dieser Fremdkörper wäre für mein Gesicht die absolute Verstümmelung – die Vorraussetzungen für eine absurde Telefondiskussion waren also perfekt.

Mein Brillen-Hasser-Freund hat jetzt also eine Brille – fragt man sich, wie geht dieser Mensch mit einer solchen Situation um? Erstens: Er kauft sich selbstverständlich nicht irgendeine Brille, nein, jemand wie er braucht – so viel steht fest – eine ganz besondere. Zweitens: Was sich immer super anhört und wahrscheinlich noch besser anfühlt, ist, Kleidung und Verkleidung in New York zu kaufen. „Wow, schöner Pulli!“ – „Den habe ich aus New York.“ So schnell kann ein Stück Stoff mystifiziert und für alle anderen unerreichbar werden. Drittens: Diese besondere Brille aus New York haben selbstverständlich bisher auch nur besondere Menschen getragen und zwar: Viertens: Wahnsinnig attraktive und/oder begehrte Männer, die eine Brille einfach gut tragen können, weil sie alles tragen können.

Ich staune über diesen zugegeben extrem ausgereiften Plan und denke, er hätte auch von einer Frau stammen können (aus Spaß treiben wir das Spiel mit den Männer-Frauen-Klischees einfach weiter). Frauen haben die Fähigkeit, sich 100 Prozent selbst auszutricksen, da sie sich und ihr Ego zu 200 Prozent kennen. Nun also diese Luxus-Brillen-Geschichte aus New York und die stolze Andeutung, diese Brille sei die Brille von Johny Depp und James Dean, eben eine wahre Helden-Brille. Eine Brille, bei der die Frauen reihenweise umfallen würden. Wahnsinn. Und dann noch in Kombination mit einem Hut: Unschlagbar.

Während ich mich frage, ob man eine Brille aufsetzt, aufzieht oder auf hat (der Duden spricht an dieser Stelle vereinfacht vom Brillenträger), schwärmt mein Freund weiter von seiner Brille. Vielleicht ist dieses für ihn angeblich so einschneidende Erlebnis gar nicht so negativ immerhin hat er glückliche 31 Jahre ohne Brille gelebt, da hatten andere schon im Kindergarten Lupenbrillen, im schlimmsten Fall noch mit einem abgeklebten Auge. Und vielleicht sieht er ja wirklich richtig gut aus und die Brille aus New York macht ihn noch interessanter? Ich muss lachen, da sein Redefluss kaum zu stoppen ist und unterbreche ich mitten im Satz, wann er mir seine neue Brille denn mal zeigen würde. Doch klar, eine persönliche Brillenmodenshow habe ich mir fürs erste verscherzt. Schade.

Letztendlich durfte ich ihn und seine Brille doch noch sehen, und ich muss zugeben, ich war wirklich überrascht – ja fast neidisch. Im Grunde hätten wir uns die stundenlange Diskussion sparen können, und er hätte mich mit seiner Brille einfach überrascht. (jtkn)

erschienen auf jetzt.sueddeutsche.de