Das Baum-Haus

von jtkn

Weil die knorrige Steineiche dem Hanggrundstück seinen Charakter verleiht, integrierten die Architekten den alten Baum nicht nur prominent in das Wohnhaus, sondern benannten auch das gesamte Projekt nach ihm: Casa de la Encina


undefined
undefinedundefined

Man sieht zunächst nicht mehr als einen flachen Bungalow, der mit seinen massiven Betonkanten das Panorama einklammert – der Rest des Hauses verschwindet unsichtbar im Hang. Für Aranguren + Gallegos Arquitectos war genau das ihr zentrales Entwurfsmotiv: eine starke Verbindung zwischen dem Wohngebäude und den Felsen des Monte Abantos. Sie antworten auf das abfallende Gelände mit dem Konzept einer zeitgemäßen Betonstruktur, die sich in die Landschaft hineinfaltet und deren Gestalt nachzeichnet. Das dreiseitige Hanggrundstück liegt keine 50 Kilometer nördlich von Madrid und bildet eine von Kiefernwald umgebene Lichtung – die Bauherren haben es in enger Absprache mit María Aranguren und José González Gallegos ausgesucht. „Die beiden sind gute Freunde von uns“, erzählen die Architekten. „Außer diesem Landhaus hat die Familie auch noch ein Stadtdomizil in Madrid, wo die beiden Töchter studieren.“ In der Casa de la Encina wollen die Bauherren nach und nach mehr Zeit verbringen, bis sie eines Tages ihren Wohnsitz dauerhaft hierhin verlegen. Deshalb sollte der Neubau am Südhang des Monte Abantos nicht nur ein Haus für die Wochenenden oder Ferien werden, sondern ein Zuhause.

Indem sich das untere Geschoss aus dem Hang hin­ ausdreht, entsteht auf seinem Dach eine zusätzliche Gartenfläche. Sie erweitert einerseits die Terrasse, andererseits verbirgt sich hinter der Zickzack­-Geste der begrünten Dachflächen ein architektonischer Trick: Schließlich konnten José González Gallegos und María Aranguren durch die bepflanzten Gründächer das vom Bauamt gewünschte Satteldach umgehen. Da der Neubau in unmittelbarer Nähe zum Unesco­-Welterbe der königlichen Klosterresidenz El Escorial steht, mussten die Architekten neben kommunalen Bauvorschriften auch den Anforderungen des nationalen Kulturerbes gerecht werden. „Alle Gebäude in der Nachbarschaft haben traditionelle Schrägdächer mit Schieferziegeln“, erzählt das Duo. „Nach verschiedenen Diskussionen konnten wir uns mit der Kommune auf die Lösung eines ,Gründachplatzes‘ einigen, da diese durch einen respektvollen Umgang mit der Umgebung überzeugte.“ Gleichzeitig bezieht sich der Neu­bau in seiner Farbigkeit auf die monumentale Renaissance­-Anlage El Escorial und schlägt so eine Brücke zu seiner historischen Umgebung.

Dass Architekten und Bauherren miteinander befreundet sind, zeigt sich als Vorteil – auch weil Aranguren und Gallegos die Eigentümer an dem Entwurf von Beginn an teilhaben lassen. Durch das wechselseitige Zusammenspiel von Planer­ und Bewohnerseite entwickelt sich ein spannungsvolles Gesamtkunstwerk: eine Synthese aus Architektur und Natur. „Das Haus ist von Wald umgeben und integriert ihn. Es wird Teil der Landschaft, ohne sie zu überlappen“, erklärt María Aranguren. Wie eine große Bühne öffnet sich im Obergeschoss der Wohnbereich mit großen Glasfronten auf der Südseite zur Landschaft. (…)

erschienen in HÄUSER Magazin Juni/Juli 2020