Hiepler Brunier: Stillgestellt

von jtkn

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Warten ist eine still gestellte Tätigkeit, denn der Wartende ist für eine unbestimmte Dauer im Nichtstun festgehalten. Die Kunst, sich dabei die Zeit zu vertreiben, ist keine leichte; erinnert man sich nur an die beiden ewig wartenden Vagabunden Estragon und Wladimir, die Samuel Beckett in tragikomischer Hilflosigkeit vergeblich auf Godot warten lässt. David Hiepler und Fritz Brunier haben in ihren Wartezeiten die Zeit an- und festgehalten. Berufsbedingt sind sie in Geduld geübt, Fotografen müssen schließlich ständig warten: Auf Aufträge, auf Flüge und immer wieder: auf das richtige Licht, nicht zu hell, nicht zu dunkel.

„Stillgestellt“ heißt ihre Fotoserie, die auf mehreren Reisen zwischen 2004 und 2011 entstanden ist – „Stillgestellt“ nennt sich auch die dazu kürzlich erschienene Publikation. Alle Bewegung in den Bildern ist eingefroren. Man wartet. Auf Besucher, auf den Bus, auf das Ende des Winters oder ganz einfach auf bessere Zeiten. Das Duo Hiepler Brunier setzt sich vor allem mit realen Situationen und Orten auseinander; Landschaften und Architektur gehören daher zu den bevorzugten Sujets. Die Fotos zeigen fast unwirklich scheinende stille Szenen aus Israel, Island, Frankreich, Litauen, China, Ecuador, Slowenien, Estland, Brasilien und aus den USA – eine ästhetisch überhöhte, in sich erstarrte Bewegungslosigkeit. Zum Beispiel am Toten Meer, wo Sonnenschirme und Liegestühle, auch wenn der Wasserspiegel sich längst von zurückgezogen hat, einfach stehen gelassen wurden. Oder auf Island, wo die „Blinden Häuser“ sich zur Hoch-Zeit der Wirtschaftskrise abzukapseln scheinen, um in dieser Starre das Ende der schweren Zeiten abzuwarten.

„Die Fotografie bewahrt mich vor der Realität“, schreibt die Berliner Fotografin Valeria Herklotz in einem der drei begleitenden Texte dieses wundervollen Fotobuchs. „Nur ein Abbild ohne Ton, ohne Bewegung. Sie lässt mir den Glauben an Stille, an Bewegungslosigkeit, an ein totes Gewässer, an etwas unwirklich Schönes.“ Der Schweizer Philosoph Töm Kadlcik und der New Yorker Architekt Lohn Combs schreiben in ihren Essays ebenfalls über Gedanken des Stillstands. Am Ende lernt man also aus dieser kleinen stillen Publikation, dass das Warten keine Zeit kennt; denn die Zeit spielt auf diesen Fotos eine wirklich unwesentliche Rolle. (Jeanette Kunsmann; erschienen im BauNetz am 12. März 2013)



Hiepler Brunier: Stillgestellt
Panatom, Berlin 2012
Softcover, 72 Seiten
19,80 Euro

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