jtkn

Tag: Kunst

Die Räuber

Alles begann 1991 mit Schillers Räubern und im Fall der Volksbühne wurde der Bühnenbilder nicht nur, wie so oft, zum ersten Autor einer Inszenierung, Bert Neumann gestaltete mit seinem Räuberrad DAS Wahrzeichen der 25-jährigen Castorf-Ära. Das vier Meter hohe Metallrad mit den zwei Beinen stand seit 1994 vor dem Theaterbau am Rosa-Luxemburg-Platz und zierte als Logo bis zum Intendantenwechsel sämtliche Postkarten, Streichholzschachteln und Spielzeitprogramme. Damit ist Neumanns Räuberrad ein Hybrid zwischen Kunst am Bau, Kunst im öffentlichen Raum, Theaterkunst und Marketinginstrument. Es ist das Symbol von Frank Castorfs Volksbühne im Nachwende-Berlin.

erschienen in: Marmor für alle. Zur Kunst im öffentlichen Raum, Hrsg. Jörg Johnen, Mitte/Rand Verlag, Berlin 2018

Mit der Skulptur beziehen sich Castorf und Neumann auf die mittelalterlichen „Gaunerzinken“: eine gezeichnete Geheimsprache, mit der Einbrecher seit Jahrhunderten untereinander kommunizieren. Der gekreuzte Kreis bedeutet „Vorsicht, nicht vorsprechen“ – für die Theatermacher symbolisiert das Räuberrad das Rebellische der Volksbühne. Theater sei der letzte Partisan, ist eine zentrale Aussage von Castorfs Bühne.

Geschaffen hat das Volksbühnen-Räuberrad der Metallbauer und Designer Rainer Haußmann, in dessen Atelier in Oberschöneweide es für kurze Zeit stand. Er sollte das „Denkmal“, das er 1994 zusammengeschweißt hatte, restaurieren – ursprünglich sollte das laufende Rad ja nur für ein paar Monate vor dem Portal der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz stehen. Wirklich davongelaufen, oder gerollt, ist es aber erst im Sommer 2017, als Chris Dercon seinen Posten als neuer Intendant antrat. In einem dramatischen Zweiakter wurde die Metallskulptur aus ihrem Fundament gelöst und reiste mit Castorf als Trophäe zum Theaterfestival nach Avignon. Ob der Altintendant das überhaupt durfte, bleibt umstritten, die eigentumsrechtliche und urheberrechtliche Zulässigkeit des Abbaus ist ungeklärt. Das Land Berlin hatte das Kunstwerk in den Neunziger Jahren für 11.000 Euro gekauft, ein denkmalrechtlicher Schutz besteht nicht. Glaubt man den Tageszeitungen und der Berliner Senatsverwaltung, könnte es ein gutes Ende geben. Nach der Sanierung soll das Rad am selben Standort vor der Volksbühne wiedererrichtet werden, „insofern sich die drei Parteien nicht auf einen anderen, würdigen Standort einigen“, heißt es in einer Pressemitteilung des Berliner Senats zu Einigung zur Zukunft des Räuberrad vom 28. Juni 2017. Die drei Parteien sind Frank Castorf, sein Nachfolger Chris Dercon und die Erben des 2015 verstorbenen Bühnenbildners und Künstlers Bert Neumann. Womit man von Schiller zu Lessing wechselt, denkt man an die Ringparabel, die auf wenige Worte reduziert, den Streit zwischen drei Brüdern (oder drei Religionen) thematisierte. Mit dem Unterschied, dass es das Räuberrad des verstorbenen Bert Neumann nur einmal gibt.

Räuberrad, 1994–2017
Rosa-Luxemburg Platz / Linienstraße 227, 10178 Berlin, Künstler: Bert Neumann, Rainer Haußmann, Metall,4 Meter hoch

www.mitte-rand.de

Venedig: Drei Tage Kunstbiennale

DSC_0095

2013-05-30-18.55-01

Layout 1

Foto

DSC_0015

Alle Artikel unter: www.baunetz.de/Kunstbiennale_Venedig_2013

Horizon Field Hamburg

Nur acht Stahlseile halten die 1.250 Quadratmeter große Plattform – gerade mal acht dünne Stahlseile! Nackte oder bunt besockte Füße steigen die Treppen hinauf und laufen vorsichtig über den schwebenden, dunkel glänzenden Boden, der bei jeder Bewegung ein bisschen mitschwingt. Manch Einer schaut etwas unsicher, Andere huüpfen, springen und tanzen, obwohl das ja eigentlich verboten ist. Aber was ist hier los? Ein fliegender Teppich, eine schwebende Bühne, ein Trampolin in luftiger Höhe? Ist das Kunst oder hat es nicht eher den Charakter einer Hüpfburg? Andererseits wird die Plattform erst durch die vielen Menschen belebt und dadurch überhaupt interessant. Die spiegelnde Oberfläche ist wie ein klarer See und es scheint, als würde man selbst über das Wasser schweben…

Hinter dem Spektakel in der Nordhalle der Deichtorhallen steckt der britische Künstler Antony Gormley. Er hat hier Ende April sein Horizon Field Hamburg installieren lassen und sorgt damit in der Hansestadt für große Begeisterung. Siebeneinhalb Meter über dem Boden pendelt die 25 x 50 Meter große und 70 Tonnen schwere Plattform von der Dachkonstruktion und schwebt in der Deichtorhalle. Die Kunstinstallation will die Wahrnehmung des Gehens, Fühlens, Hörens und Sehens umorientieren und neu verbinden, heißt es in der Ankündigung. Tut sie auch. Der Künstler sieht sein Horizon Field als ein „waagerecht im Raum aufgespanntes Gemälde“, auf dem „die Besucher zu Figuren auf einem freischwebenden und nicht definierten Grund werden“. Gormley beschäftigt sich schon lange mit dem Verhältnis des menschlichen Körpers zum Raum, seit 40 Jahren arbeitet er in seiner Kunst an diesem Thema.

Die Planung des fliegenden Kunstwerks in Hamburg hat fast zwei Jahre gedauert, Gormley hat es gemeinsam mit den Stuttgarter Ingenieuren Schlaich Bergermann und Partner entwickelt und realisiert. Das Haupttragwerk besteht aus Stahlträgern, gestützt durch Seilunterspannungen, den Fußbodenaufbau bildet die mit Polyurethan-Gießharz beschichtete Holzkonstruktion. Und: Ja, es sind wirklich nur acht Stahlseile – aber es hält! (jtkn)

Erschienen  in der Baunetzwoche#272

Das „Horizon Field Hamburg“ schwebt noch bis zum 9. September 2012 in den Deichtorhallen Hamburg. Am 2. Juni 2012 ist die Installation bis 2 Uhr nachts geöffnet. Der Eintritt ist frei, Kinder sind erwünscht.

www.deichtorhallen.de
www.horizonfieldhamburg.com

www.baunetz.de/baunetzwoche

54. BIENNALE ARTE im BauNetz

Venedig sehen und sterben…

 

Wer hat Angst vor Schlingensief?

Egomanie im deutschen Pavillon

Man weiß gar nicht, wo man zuerst hinsehen soll. Das Innere des deutschen Pavillons wurde als Kirchenraum inszeniert, der vom Boden bis zur Decke mit Schlingensief-Zitaten bedeckt ist. Unzählige Fernseher und Projektoren zeigen Videoarbeiten, parallel läuft ein Tonband mit wechselnden, sich überlagernden Stimmen. An den Wänden Fotos und Malerei, ein Beichtstuhl in Kindergröße, Vitrinen mit Kuriositäten und der ebenfalls üppig mit Symbolen geschmückte Altarraum. Besucher können auf zehn Kirchenbänken Platz nehmen und den Raum auf sich wirken lassen. Zwei mit Blumen geschmückte Kindersärge flankieren den Eingang. Neben dem Altar steht wie vergessen ein leeres Krankenbett, schräg darüber die Röntgenbilder von Schlingensiefs Lungenflügeln.

Der deutsche Pavillon mischt alle Disziplinen – Theater, Film, Malerei und Musik – zu einer chaotisch inszenierten Werkcollage, die den Besucher stumm werden lässt. Es ist dunkel, warm und riecht nach Kirche. Man schwitzt und hört das Rattern der Projektoren. Dann wieder andächtige Orgelmusik. Das Bühnenbild, im wesentlichen zusammengefügt aus den Elementen des „Fluxus-Oratoriums“, das 2008 auf der Ruhrtriennale aufgeführt wurde, ist diesmal ohne Akteur, es ist die Installation eines Sterbezimmers von einem, der schon gestorben ist – die totale Konfrontation mit dem Tod von Christoph Schlingensief. An der Stelle des Kruzifix im Zentrum des Raums hängt eine weitere Leinwand. Wir sehen IHN als Kind mit seinen Eltern am Strand. Vom Band hören wir ihn schluchzen und weinen aus Verzweiflung – aus Todesangst.

Vom „Hauptschiff“ getrennt und nur von außen erreichbar ergänzen in den Seitenräumen zwei weitere Installationen die „Kirche der Angst“: ein Kinosaal mit Filmprogramm und eine Ausstellung über das Festspielhaus in Afrika. Etwas vernachlässigt wirken diese beiden Räume im Vergleich zu dem überinszenierten Hauptraum. Lediglich der aus Burkina Faso importierte rote Lehmboden sorgt hier für Aufmerksamkeit.

Susanne Gaensheimer und Aino Laberenz haben mit der „Kirche der Angst“ einen überraschenden Beitrag geleistet. Das sauber aufgebaute Bühnenbild ganz im Stil von Schlingensief und die Atmosphäre sind vielschichtig und fordernd. Und überfordernd, wenn man das Thema annimmt: Am Ende geht es nicht um den EINEN Tod, sondern um den Tod jedes einzelnen.

So verstanden, wirkt der Titel „EGOMANIA“, der in großen Lettern das „GERMANIA“ über dem Eingang verdeckt, weit über die radikale Selbstbezogenheit der Inszenierung hinaus. Ein urdeutscher „Jedermann“ à la Schlingensief. Wer sich Zeit nimmt, wird um eine tiefgehende Beklemmung nicht umhinkommen.
Jeanette Kunsmann

www.kirche-der-angst.de

erschienen am 2. Juni 2011 auf www.baunetz.de/biennale

Kreative Nervosität

(Zeichungen und Collage: Jeanette Colette, November 2010)

 

 

Was draußen wartet – die 6. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst

Plötzlich steht man in der großen weißen Ausstellungshalle und schaut auf einen Rohbau aus rauen Holzbalken, während in der Ecke auf dem Boden in aller Seelenruhe ein Huhn rumpickt. So sieht also die Kunst auf der diesjährigen Berlin Biennale aus. Die Türen der Berliner Kunst-Werke sind vernagelt, die Besucher müssen durch den Keller in den „White Cube“ kriechen um in dann Etage für Etage zu erobern.

Im zweiten Stock dann die übersteigerte Überhöhung des weißen Kunstkubus: ein hochweiß strahlender Raum, der, eingehüllt in leichten Nebel, jedes Augenpaar zum blinzeln bringt. Ein wenig erinnert uns das an Olafur Eliassons Nebelräume im Martin-Gropius-Bau. „Statt dem Nebel hätten sie mal ruhig Trockeneis nehmen können“, schimpft ein älterer Herr. Recht hat er – eine Kühlkammer im Museum wäre angesichts der schwülen Temperaturen zur Eröffnung dieser Biennale eine äußerst angenehme Sache gewesen.

Neben den Kunst-Werken in der Auguststraße gehören noch fünf weitere Orte zu diesjährigen Berlin Biennale, darunter das leer stehende Kaufhaus am Kreuzberger Oranienplatz, eine Lagerhalle und die Alte Nationalgalerie. Es gibt auch sonst viel zu entdecken. Überall in Kreuzberg sieht man die schwarz-weiß Plakate mit Frauen, die nur in Ausschnitten zu sehen sind. Michael Schmidt hat sie im städtischen Raum inszeniert, dessen Fotoserie „Grau als Farbe“ zurzeit auch im Münchener Haus der Kunst zu sehen ist.

Ob wir an die Wirklichkeit glauben, fragt uns die Wiener Kuratorin Kathrin Rhomberg.  Denn wenn es ein Thema gibt für diese Biennale, dann ist es die Wirklichkeit: „Sie holt uns ohnehin sprichwörtlich ein – immer. Aber wovon sprechen wir hier denn überhaupt? Die Wirklichkeit ist doch nichts, woran man glauben müsste.“ Die Arbeiten der insgesamt 43 Künstler blicken alle nach „draußen in die Wirklichkeit“, distanzieren sich von ihr, spielen mit ihr oder provozieren den Besucher in seiner eigenen Wirklichkeit. Etwas nüchtern klingt daher der Titel dieser Biennale: „Was draußen wartet“.

Übrigens – hinter dem hölzernen Rohbau in den Kunst-Werken verbirgt sich natürlich auch eine Geschichte. Petrit Halilaj hat die Negativform seines Elternhauses in Prishtina, das zerstört wurde, als Holzkonstruktion in den großen Ausstellungsraum der Kunst-Werke geschachtelt. Der 1986 im Kosovo geborene Künstler floh als Kind vor dem Krieg in Jugoslawien nach Deutschland, nun will er in Berlin seine Kindheitserinnerungen wiederbeleben, samt Huhn und Hühnerstall. (jk)


6. Berlin Biennale: noch bis 8. August,
Di-So 10-19, Do bis 22 Uhr

Orte: Kunst-Werke, Auguststr. 69 und Alte Nationalgalerie, Bodestr. 1-3 in Berlin-Mitte/ Oranienplatz 17/  Dresdener Str. 19/ Kohlfurter Str. 1 und Mehringdamm 28 in Berlin-Kreuzberg

www.berlinbiennale.de


(erschienen am 18. Juni 2010 in der Baunetzwoche#178)

acting in public – raumlabor berlin

„Acting in Public“: Was wie ein Schlachtruf klingt, ist eben auch als ein solcher zu verstehen. Doch kämpft das Team von raumlabor nicht nur um Brachen, leer stehende Plattenbauten oder Paläste aus vergangenen Zeiten, seine Arbeiten sind auch in Theatern, Museen oder Kunstausstellungen zu sehen.

Am kommenden Dienstag beginnt in Berlin im Haus der Kulturen der Welt die transmediale.10 – ein Festival für Kunst und digitale Kultur. Raumlabor organisiert nicht nur den Schwerpunkt der Ausstellung, es hat auch das Foyer der „Schwangeren Auster“ mit einer ungewöhnlichen Raum-Forschungsstation besetzt. Wir haben uns dort im Vorfeld etwas genauer umgesehen und gemerkt, dass raumlabor eine ganz schön bunte Mischung ist. (jk)

 

 

 

 

 

 

 

 

(erschienen in der Baunetzwoche#159)

siehe auch:
www.raumlabor.net
www.dailytonic.com