Spiel mit doppelter Spitze

Das Leipziger Büro Atelier ST hat in einer Stadtrandsiedlung ein Familienhaus gebaut, das viele Gewohnheiten auf den Kopf stellt. Und dennoch kein Fremdling ist

Fotos: Clemens Poloczek

Text: Jeanette Kunsmann

Wer ein Haus baut, plant für die Zukunft – zumindest für die Ewigkeit. Da muss alles stimmen. Eine Familie aus Leipzig wünschte sich einen wartungsarmen Neubau, am liebsten einen Flachbau, denn Dachschrägen und Giebel gefallen der Bauherrin nicht. Nun verlangte der Bebauungsplan leider genau das: ein Satteldach. Die Architektin Silvia Schellenberg-Thaut und ihr Partner Sebastian Thaut von Atelier ST entwerfen kurzerhand eine Ode an das Doppelhaus mit einer Doppelspitze. Wenn schon, denn schon!

Die doppelte archaische Grundfigur erinnert auf den ersten Blick an das klassische Haus, das Kinder zeichnen. Aber so wie es scheint, ist es nicht. Im Inneren entpuppt sich, anders als von außen erwartet, eine Wohnavantgarde, die zwischen reduzierter Lässigkeit und mediterranem Lebensgefühl vermittelt. Also ein typisches Wohnhaus-Experiment von Atelier ST, die in ihrer Architektur frenetisch mit Sehgewohnheiten spielen. Mal testen, was geht, ob es noch besser geht. Damit sind sie seit bald 20 Jahren erfolgreich.

Ankunft in der Wohnsiedlung in Leipzig-Portitz. Man riecht den nahen Wald, in der Ferne saust sehr, sehr leise eine Schnellstraße. Sofort wird deutlich, warum das „Duplex“-Haus zu den Top-Gesprächsthemen auf dem Spielplatz zählt. Niemand hier, wirklich niemand wohnt so modern wie diese Familie. Auch wenn alle Einfamilienhäuser das gespitzte Satteldach vereint. Über den „Moränen-Bunker“ wird geredet und es wird gefragt, ob die Fassade noch kommt. Das Grundstück war ein Geheimtipp vom Stammtisch und schon gekauft, bevor ein Architekturbüro recherchiert oder beauftragt wurde. „Nun, ich bin hier aufgewachsen“, erzählt der Bauherr, während er für uns Tee kocht. Er und seine Familie fühlen sich hier wohler als in der Stadt, wo sie vorher lebten. Sie lieben die Gegend und sie lieben ihr neues Haus. Weshalb die Bauherrin auch kritischen, fragenden Flanierenden oder den Menschen aus der Nachbarschaft bereitwillig die Türe öffnet, um erfahrbar zu machen, warum das Haus so gut ist, wie es ist. Hier steht ein Unikat, ein gebauter Maßanzug – eher Haute Couture als eine Uniform von der Stange.

Die Wünsche der Familie waren nicht groß, aber präzise; weil das Paar in der Immobilienbranche tätig ist, ist Expertise im Bauen vorhanden. Weil die Bauherren beide keinen Holzbau wollten, Lehm zu teuer gewesen wäre, plant das Architekturbüro eine Konstruktion aus Beton, wobei sich die Ortbetonfassade mit ihrer sägerauen Holzmaserung auf den Wald bezieht. Vier Brettstärken und drei Tiefen wurden für die Schalung verarbeitet, jedes Brett nur einmal verwendet. Haute Couture aus Beton.

Ungewöhnlich bei dem „Duplex“-Haus ist die Dämmung, die hier nicht nach außen, sondern nach innen verlegt wurde. Die Schicht aus französischem Hanfkalkstein ist ein neues Material und in der Form so zum ersten Mal in Deutschland verbaut. Der Architekt zeigt ein Musterstück und tatsächlich: sieht aus wie Knäckebrot. Der darüber gestrichene Lehmputz dient Raumklima und Klimaschutz. Nur wenige verschiedene Materialien sollten verbaut werden, und nur hochwertige Baustoffe, die gut altern und robust sind. Dennoch ist der elegante „Rohbau“ warm und gemütlich. Grüner Naturstein bedeckt die Böden. „Duplex“ ist keine Villa, überzeugt im Inneren auch prompt die Nörgler. Das schönste Lob für den Architekten: wenn ein kritischer Handwerker am Ende vor Stolz aufs Gesamte den Hut zieht.

„Ein wenig Experiment war es auch: Das Haus ist das erste deutsche Projekt mit einer Dämmung aus Hanfkalkstein.“

Sebastian Thaut

Was formal von außen einfach erscheint, ist im Inneren komplex. „Ein gutes Haus lebt vom Grundriss, bietet kleine Momente und lässt alles im Fluss“, meint Silvia Thaut-Schellenberg. Der Grundriss bricht die Doppelform auf, die Räume staffeln sich vom Erdgeschoss in Form einer Schnecke nach oben unters Dach. So werden Trennung und Miteinander gleichzeitig möglich. Geheimnisvoll öffnet sich ein schmaler Gang mit der Treppe ins obere Geschoss zu den privaten Schlafzimmern. Die Zimmer der Kinder haben jeweils den Giebel mit dem runden Fenster: einmal mit Blick auf den Wald, während das andere Giebelzimmer über den Obstgarten schaut. Das runde Glas gibt dem Haus sein Wesen und sieht wie ein Auge in die Welt.

erschienen in AW Architektur & Wohnen, Ausgabe 1/2024

https://www.awmagazin.de

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