Notizen

„Europa ist einfach am Geilsten!“

Meine Schwester sitzt in L.A. am Strand und hat extrem schlechte Laune. Die Sache mit Kalifornien hat sie sich irgendwie anders vorgestellt. Als wir telefonieren, rauscht es im Hintergrund. Nicht etwa das Meer, es ist die Autobahn. Sechsspurig. Man darf für seinen Ausflugstag am Strand weder Essen noch Getränke mitbringen, Rauchen und Alkohol kann man sowieso vergessen, zum Surfen ist es noch zu kalt, Spaß scheint nicht gewollt. Aber das ist es nicht einmal, was sie so stört. Auch nicht, dass alles das Zehnfache kostet und nicht mal die Hälfte wert ist. „Hier ist einfach alles Fake, wirklich alles“, erklärt sie entsetzt und hustet dabei plötzlich in ihr Smartphone. Das Essen, die Häuser, die Menschen: alles fake! Das Gemüse: miserabel! Die Organic-Produkte: allesamt gespritzt und besprüht! Was für jemanden, der sonst in Italien lebt und dort beruflich und leidenschaftlich kocht noch mal ein Desaster darstellt. Also ernähren sich meine Schwester und ihre Freundin fast ausschließlich von Fake-Reis. Aber nicht nur das Essen behält einen faden Beigeschmack. Die gesamte L.A.Reise ist fad. Sie sind durch Asien und Afrika gereist, in Amerika nehmen beide über fünf Kilo ab. In zehn Tagen.

Es tut mir unendlich leid. Weil ich weiß, wie groß ihre Sehnsucht nach diesem Ort war. Seitdem sie 13 ist, wollte sie schon immer noch L.A. – jetzt feiert sie dort ihren 30. Geburtstag am Strand und wünscht sich lieber zurück nach Hause, nach Neapel. Heimweh. Manchmal passiert einem das. Sie hatten einfach die Entfernung unterschätzt: geografisch wie kulturell. Das kann einem überall passieren: Dann steht man also eines Tages endlich in Marrakesch, in New York, in Tel Aviv, in Florenz, in Peking, am Schwarzen Meer, in Reykjavik, in Lissabon, in Berlin an diesem entfernten Ort, nach dem man sich schon lange gesehnt hatte, und ist einfach nur enttäuscht. Natürlich, weil man sich selbst getäuscht hat. Weil man sich täuschen lassen wollte. Weil Reisen mehr als eine Postkarte ist. Weil die Phantasie eben doch besser ist, als die Wirklichkeit.

Die Japaner haben einen Namen dafür. Sie sprechen vom Paris-Syndrom, wenn die Erwartung des Reisenden mit der Realität des Ziels so stark auseinanderfällt, dass sich eine vorübergehende psychische Störung einstellt. Heimweh kennt kein Alter. Aber weil man schließlich kein kleines Kind mehr ist, weint man nur heimlich und leise nachts in sein Kopfkissen und versucht das beste aus der Situation zu machen. Es darf dann nur nicht regnen, das spült die Stimmung gleich wieder auf unter Null. Meine Schwester denkt an Mexiko. Dort war sie vorher, dort war es schön. Das Essen, die Maja-Ruinen, die Menschen. „Ich weiß ehrlich nicht, was wir die letzten Tage gemacht haben.“ Sie seufzt und lächelt dabei ins Display. „Und wie wir die weiteren Tage noch herumbekommen sollen. Ich habe ja nicht einmal ein Buch dabei!“ Immerhin kann sie noch Lachen. Und ich denke: Zum Glück reist ihr nur zu zweit, und nicht mit Kindern: Dann wird jede Reiseenttäuschung kombiniert mit schlechtem Wetter schnell zu einer nervenaufreibenden und extrem kostspieligen Höllentortur. So viel Uno kann man gar nicht spielen.

Fremd sein. Fremder sein. Der Reisende trifft eine Entscheidung. Und Reisen bildet. Und Bildung bedeutet nicht unbedingt, dass man möglichst viel während der Bustour durch die Altstadt lernt, sondern: einen ehrlichen Blick über den oft zitierten Tellerrand auf die Realität. Und der Rückflug? Geht erst in zehn Tagen! Immerhin kann man sich bei solchen Reisen vielleicht zu sich selbst finden. „Europa ist einfach am Geilsten“ ruft meine Schwester noch zum Abschied ins Telefon. Dann wird die Verbindung unterbrochen. (März 2019)

Istanbul

Diese Stadt könnte eine tanzende, schöne Frau sein – oder auch ein bärtiger, alter Mann. Sie kann faszinieren, erschrecken, umarmen und verschlucken. Weiße Tauben fliegen durch den Dreck, während Frauen mit bunt gemusterten Kopftüchern aus Seide und hohen Pumps über die Straße eilen. Dahinter der Bosporus. Es riecht nach Freiheit – und nach Fisch.
Melancholie und Lebensfreude gehen hier Hand in Hand. Ebenso Armut und Reichtum, Tradition und Moderne. Eine Metropole voller Widersprüche und Kontraste. Ost und West. Ein Bild, das man kaum beschreiben kann, sondern erleben muss. (April 2010)